Werden wir dem Verlangen nach Geschwindigkeit widerstehen können? (Foto: Fotolia / Artur Shevel)

Werden Menschen weiterhin selbst fahren? Ansichten eines Autoliebhabers

Sicherheit und Ethik, Privatleben und Mobilität

Alex Roy

Alex Roy

31.10.2018

       

„Ist die Zukunft eine gute Zeit für einen Autoliebhaber? Wohl eher nicht.“ Denn: Menschliches Fahren, wie wir es kennen, wird unweigerlich verboten sein, argumentiert Rallyefahrer Alex Roy in seinem Essay.

 

Ich bin hin- und hergerissen, ob Menschen in Zukunft noch selbst fahren werden oder nicht.

Die Antwort hängt natürlich von der persönlichen Zeitachse eines jeden ab. Im Film Fight Club sinkt die Überlebensrate für alle gegen Null, je länger die Zeitachse läuft. Wenden wir das auf das Fahren an: Sobald die technologischen Barrieren für selbstfahrende Autos fallen, scheint das Ende des menschlichen Fahrens unvermeidlich. Eigentlich sollten Menschen überhaupt nicht fahren. Moralisch gesehen nicht schon allein wegen der extremen Wahrscheinlichkeit eines Unfalls mit Verletzungs- oder Todesfolge. Gesellschaftlich gesehen nicht wegen der für die Gemeinschaft bei Unfällen anfallenden Kosten von Rettungsdiensten. Und wirtschaftlicher gesehen nicht wegen der Ineffizienz ganzer Branchen und Behörden, die selbst bei kleinen Unfällen auf unseren Straßen in Anspruch genommen werden.

 

Daher bin ich fest davon überzeugt, dass das menschliche Fahren, wie wir es kennen, in Zukunft verboten sein wird. Das wird in den großen städtischen Zentren der ersten Welt beginnen und sich dann über die großen Hauptverkehrsadern ausdehnen. Diese werden schließlich regionale und nationale autonome Transportnetze bilden, die über multimodale Verkehrsknotenpunkte miteinander verbunden sind.

 

Die so genannten Kipppunkte werden nicht auf globaler, nationaler oder gar regionaler Ebene stattfinden, sondern lokal, durch Ineinandergreifen einzelner Fäden, die sich langsam zwischen den Knoten verstärken, durchmischt mit durch Menschen gelenkte und teilautonome Fahrzeuge. 

Ob mir diese Zukunft gefällt, steht auf einem anderen Blatt.

 

Die Dichotomie des Fahrens

Das moralische Argument für die Verpflichtung zum autonomen Fahren steht im direkten Konflikt mit einer grundlegenden Wahrheit, die der menschlichen Natur zugrunde liegt. Für viele ist der Erwerb eines Führerscheins Teil des Erwachsenwerdens, der Traum vom Besitz eines Autos, der einfacher zu erreichen ist als der Besitz eines Hauses. Und das damit einhergehende Konzept der Freiheit ist untrennbar mit dem Besitz einer Maschine verbunden, die die sprichwörtliche und bildliche Entsprechung des Selbst ist.

 

Es gibt nur zwei Botschaften in der Autowerbung: „Habt mehr Sex“ und „Liebt Eure Familie“.

 

Diese Dichotomie erzählt die ganze Geschichte darüber, ob die Menschen zukünftig noch fahren werden. Denn wir alle wissen ganz genau, welche Botschaft die Menschen letztendlich davon überzeugen soll, mit dem Fahren aufzuhören.

 

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Der Stadtverkehr könnte das erste Szenario sein, in dem fahrerlose Autos die Oberhand gewinnen. (Foto: Fotolia / Cla78)

 

Kulturell gesehen sind Autos nicht nur Transportmittel, sondern Ausdruck einer Transformation. Wie wir fahren und was wir fahren sind zwei Achsen auf dem Diagramm unseres Selbstausdrucks. So effizient oder sicher ein autonomes Fahrzeug auch sein mag, es könnte sich als unmöglich erweisen, die Menschen davon zu überzeugen, diesen Kanal des Selbstausdrucks aufzugeben. Ohne einen massiven Generationswechsel wird das – wenn überhaupt – nicht vonstatten gehen, es sei denn, es wird erzwungen.

 

Wenn Autos nur Transportmittel wären, gäbe es weder Sportwagen noch die ganze hochprofitable Pflege- und Tuningbranche noch den gesamten Ersatzteil-Markt.

 


 

Fahrerlose Autos: Graben zwischen Stadt und Land?

Ganze Vermögen wurden beim Wetten gegen die menschliche Natur schon verloren. Und jedem, der glaubt, dass Fahren verboten werden könnte, bevor es die Kultur selbst verlangt, dem steht ein harter Kampf bevor. Es ist leicht zu glauben, dass menschliches Fahren in Manhattan, Paris oder London innerhalb einer Frist von zehn oder fünfzehn Jahren verboten werden könnte. Wenn man jedoch eine Karte der Vereinigten Staaten betrachtet und das Abstimmungsverhalten bei den letzten Präsidentschaftswahlen darüberlegt, bekommt man einen Überblick über die Zeitleiste für die kulturelle Akzeptanz vollautomatisierten Fahrens.

 

Texas? Viel Glück! 

 

Es gibt mehr als 274 Millionen Autos in den Vereinigten Staaten – der Jahresumsatz an Autos liegt bei ca. 17 Millionen. Selbst wenn 100 Prozent der heute verkauften Autos selbstfahrend wären, würde es 16 Jahre dauern, bis 100 Prozent aller Fahrzeuge autonom unterwegs wären. Chris Gerdes, Innovationsleiter des US-Verkehrsministeriums, glaubt, dass in zehn Jahren 35 Prozent der Autos auf den Straßen der Vereinigten Staaten selbst fahren werden. Um das zu erreichen, müssten bis 2021 100 Prozent der verkauften Autos selbstfahrende sein.

 

Sehr ambitioniert, und unwahrscheinlich

 

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Schwer vorstellbar, dass es jemals einen selbstfahrenden Porsche 911 geben wird. (Foto: Porsche)

Das Fünfzig-Jahres-Szenario – das einzige, das für jeden, der heute Investitionen tätigt, von Bedeutung ist – unterscheidet sich erheblich von dem, was uns die clickbaithungrigen Medien glauben machen möchten. Der Fokus der Automobilindustrie auf vollständig autonomes Fahren  und die scheinbare Angst und Abneigung gegenüber teilautonomen Technologien wie die von Tesla haben jede ehrliche Diskussion darüber vergiftet, was alles möglich sein könnte, bevor vollautomatisiertes Fahren allgegenwärtig sein wird.

 

Kurz- bis mittelfristig liegt die größte Chance nicht in der vollständig autonomen Technik. Sie liegt im Universum der Produkte und Dienstleistungen, die den Bereich des teilautonomen Fahrens umkreisen und die gelegentlich – je nach geografischer Lage – von den Anfängen vollständig autonomen Fahrens berührt werden.

 


Akzeptanz entsteht nicht über Nacht


Im Laufe der Zeit wird sich ein Flickenteppich aus drei unterschiedlichen Arten von Zonen bilden: solchen, in denen autonomes Fahren vorgeschrieben sein wird, solchen, in denen autonomes Fahren optional ist und solchen, in denen autonomes Fahren nicht erlaubt ist. Es wird ein Gleichgewicht unter den Technologien erreicht, gefolgt von einer langen Phase, in der die Menschen die zunehmenden Automatisierungsgrade langsam akzeptieren werden. Parallel dazu werden sich alternative Verkehrsmittel entwickeln und mit dem halb- und vollautomatisierten Fahren zusammenwirken. So bekommt das Wort „Mobilität“, das bisher als Schlagwort vom Fehlen einer klaren Verkehrs-Vision der Zukunft abgelenkt hat, schließlich eine Bedeutung.

 

Marken, die sich allein auf das autonome Fahren fokussieren, werden sich dann hervorragend entwickeln, wenn sie den engen Rahmen der kurz- und mittelfristigen Akzeptanz annehmen und die Nachfrage befriedigen, anstatt zu versuchen, sie künstlich zu schaffen. Aber auch Marken, die sich alleine auf Selbstfahrer konzentrieren, werden weiter wachsen. Denn Generationen, die mit menschlichem Fahren aufgewachsen sind, werden sich weiterhin an auf Kontrolle und Eigenverantwortung beruhende Handlungs- und Identitätskonzepte klammern.

 

Marken, die sich absichern wollen, indem sie die über ein Jahrhundert bestehende Verbindung mit nur einer der beiden übergreifenden Botschaften des Automobilmarketings durch Hinzunahme der anderen verwässern, werden leiden. Porsche hat sich wohlweislich von der völligen Autonomie distanziert und wird die Früchte in der langen Akzeptanzphase ernten, selbst dann, wenn sie es einmal anbieten würden. Und BMW? Die „Ultimate Driving Machine“ muss autonomes Fahren anbieten, sobald es verfügbar ist, aber es sollte nie im Mittelpunkt ihres Marketings stehen. Toyota? Gesichert, aus offensichtlichen Gründen.

 

 

Technologien entwickeln, die das Fahren verbessern

 

Trotz meiner Vergangenheit als einer der berüchtigsten Raser unserer Zeit könnte ich nicht optimistischer sein, was unsere teil- und vollautomatisierte Zukunft betrifft. Der Schlüssel zur kulturellen Akzeptanz – der einzigen Barriere, die zählt – ist die Entwicklung von Technologien, die menschlichen Fahrern helfen, während diese gleichzeitig die Kontrolle behalten – oder zumindest das Gefühl, die Kontrolle zu haben.

 

Stellen Sie sich einen Porsche 911 vor, der jeden jemals gebauten 911 imitieren kann. Einen BMW M5 mit einem Heads-Up-Display, das die beste Linie über den Stelvio-Pass anzeigt. Einen Mercedes-Benz AMG-GT, der in Echtzeit Verkehrs- und Zustandsdaten für die Planung des Sonntagsausfahrt liefert, verknüpft mit Stabilitätskontrolle und hochauflösenden Karten, die einen Kontrollverlust vor dem Einfahren in eine Kurve verhindern würden.

 

Das alles sind noch unterentwickelte Technologien, die das Fahren in einer gemischten Autonomieumgebung eher verbessern als beeinträchtigen. Ich wünschte, ich könnte sie schon jetzt nutzen.

 

 

 

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Wird es dem manuellen Fahren so ergehen wie einst dem Reiten mit Pferden? (Foto: Fotolia / Dusan Kostic)

 

Am Ende der Akzeptanzphase, in etwa 50 bis 75 Jahren, wird es dem manuellen Fahren wahrscheinlich so ergehen wie einst dem Reiten, aber erst, wenn andere Formen der persönlichen Selbsterfahrung die transformative Anziehungskraft und die Gefahren des Selbstfahrens verdrängt haben. Virtual Reality, Augmented Reality, Videospiele und Kybernetik werden sich auf parallelen und zunehmend überschneidenden Wegen entwickeln. Sie werden sich mit Konzepten der Mobilität verbinden und zu unvorstellbaren Formen von Unterhaltung und Zeitvertreib führen.

 

Irgendwann wird die kommerzielle Infrastruktur der (Renn-)Fahrschulen sich in der Mitte mit Disneyland treffen. Rennstrecken werden zu mechanischen Streichelzoos und Vergnügungsparks, wobei die Teilnehmer Verzichtserklärungen unterschreiben, bevor sie ihr Leben in altmodischen Maschinen unter nur teilweise kontrollierten Bedingungen riskieren.

 

Stellen Sie sich vor, Ferrari-Welt wäre der einzige Ort, an dem Sie selbst fahren könnten.

 

Ich hoffe, ich werde alt genug, um das zu erleben. Aber ich bezweifle das. In der Mongolei werden immer noch Packesel benutzt und die Land Cruiser, die ich in Afrika gesehen habe, sind so ziemlich unzerstörbar. Es wird immer jemanden geben, der genug Geld hat, sich eine Ausnahme zum Selbstfahren zu erkaufen. Aber eigentlich würde das gar nicht funktionieren. Denn sobald vollautomatisiertes Fahren allgegenwärtig ist, wäre kein menschlicher Fahrer schnell genug, um mit dem Fluss des selbstfahrenden Verkehrs Schritt zu halten.

 

Es ist eine gute Zeit, ein Autoliebhaber zu sein. Auch in Zukunft? Wohl eher nicht.

 

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