Autonome Autos werden viele Leben retten. Trotzdem kann es noch immer zu Unfällen kommen (Photo: iStock/simonkr)

Unfälle von autonomen Autos: Wer hat Schuld?

Sicherheit und Ethik

Julian Ebert

Julian Ebert

4.03.2016

       

Autonome Fahrzeuge werden entwickelt, um den Verkehr sicherer zu machen. Aber wer ist verantwortlich, wenn „Roboterautos“ einen Unfall bauen? Wer trägt die Schuld und wer zahlt? Die Unfallhaftung in einer autonomen Zukunft wirft einige knifflige Fragen auf. Wir haben Experten aus aller Welt zu diesem Thema befragt.

 

Der Straßenverkehr, wie wir ihn kennen, steht vor einem tiefgreifenden Wandel: dem Übergang von menschengetriebenen Fahrzeugen zu immer selbstständiger agierenden Fahrzeugen. Diese vernetzten Autos, die ein bisher einmaliges Sicherheitsniveau gewährleisten, werden die Zahl der Unfälle weltweit drastisch senken.


Aber da die Automatisierung Schritt für Schritt – und nicht über Nacht - auf unseren Straßen eingeführt wird, kann es immer noch zu Unfällen kommen. Stell dir vor, ein selbstfahrendes Auto trifft einen Fußgänger. Oder zwei autonom fahrende Autos krachen ineinander.


Solche Szenarien bereiten Rechtsexperten Kopfzerbrechen: Wer ist schuld, wenn die Automatisierung versagt? Und wer zahlt, wenn Robotersysteme eine Kollision verursachen?

 

 

Keine Gesetzesänderungen

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Einige Experten bezweifeln sogar, dass autonomes Fahren inmitten ungelöster Regulierungs- und Haftungsfragen überhaupt eine Zukunft hat. Aber es gibt Grund zum Optimismus, sagt Jacob Fuest. „Wir sehen nicht, dass die Haftung in einer autonomen Zukunft komplizierter wird“, sagt der Leiter des Automotive Innovation Center der Allianz gegenüber 2025AD. Bestehende Gesetze in den meisten Ländern der Europäischen Union wären durchaus in der Lage, die Haftung auch in komplexen Crash-Szenarien zu bewältigen. „Wir sehen derzeit keinen Handlungsbedarf auf der Seite des Versicherungs- und Haftungsrechts“, erklärt Fuest.


Jenseits des Teiches sind sich die Juristen einig. „Recht ist ein flexibles Wesen“, erklärt US-Rechtsanwalt Andrew Garza in einem Interview mit 2025AD. Laut Garza, der die Kanzlei von Andrew P. Garza in Connecticut leitet, werden zukünftige Haftungsfälle wahrscheinlich genauso behandelt wie heute. Selbst wenn es sich um autonome Fahrzeuge handelt, können sie durch bestehende Produkthaftungsvorschriften abgedeckt werden. „Wird es eine Lernkurve geben? Sicher“, sagt Garza. „Aber letztendlich wird unser Haftungsrahmen, der seit Hunderten von Jahren existiert, gut an den Wandel angepasst sein.“

(Photo: Andrew Garza, U.S. Staatsanwalt aus Connecticut)

 

 

Es wird immer noch ein Mensch zur Verantwortung gezogen

Was bedeutet das nun in der Praxis? Stell dir einmal vor, du fährst im Jahr 2025 auf einer Autobahn. Du checkst deine E-Mails, während dein brandneues Auto im autonomen Modus unterwegs ist. Plötzlich wechselt das Auto fälschlicherweise die Spur und berührt ein „unschuldiges“ Fahrzeug. Laut Jacob Fuest bist du selbst es, der in erster Linie für den durch dein Auto verursachten Schaden haftet. „Das Grundprinzip der verschuldensunabhängigen Haftung wird Bestand haben“, sagt Fuest. Das bedeutet: Der Verantwortliche des Fahrzeugs haftet sowohl für individuelle Fehler als auch für Mängel des Fahrzeugs.

 

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Egal, ob du oder dein Auto zum Zeitpunkt der Kollision die Kontrolle hatte, die Verantwortung wird zunächst dir übertragen. Deine Kfz-Versicherung zahlt für Schäden, die anderen Verkehrsteilnehmern entstehen. Wie Fuest erklärt, macht die allgemeingültige Doktrin des Opferschutzes eine schnelle, bedingungslose Entschädigung zu einer absoluten Notwendigkeit. „Wir können und werden nie erwarten, dass Unfallopfer Anklage gegen Hersteller oder andere Parteien erheben.“


Aber das ist natürlich noch nicht das Ende. Was, wenn der Unfall nicht wirklich deine Schuld war? Was passiert, wenn eine Fehlfunktion der autonomen Funktionen den Unfall verursacht hat? In diesem Fall wird sich deine Versicherung in einem zweiten Schritt an den Hersteller des Fahrzeugs oder andere beteiligte Parteien wenden, um die Rückforderung der Vorauszahlungen zu beantragen. Auf die gleiche Weise wird der Versicherer mit Schäden an deinem eigenen Auto fortfahren.

(Photo: Jacob Fuest, Automotive-Experte bei der Allianz)

 

 

Wer ist schuld? Eine Blackbox liefert die Antworten

Wenn sich Versicherungen und Hersteller zusammensetzen, beginnt das eigentliche Schuldzuweisungsspiel. Die entscheidende Frage wird sein: Wer war der Täter - Mensch oder Maschine? Und wenn der Mensch ausgeschlossen ist, was genau hat dann den Unfall verursacht? Eine Fehlfunktion der Bremse oder fehlerhafte Sensorinformationen? Kompromittierte Software oder fehlerhafte Kartendaten?


In vernetzten Fahrzeugen, die mit anderen Autos kommunizieren und ihre Umgebung in 3D wahrnehmen, erscheint all dies möglich. Um die komplexen technischen Verflechtungen eines autonomen Unfalls zu lösen, sind Daten entscheidend. Insbesondere so genannte Ereignisdatenschreiber können allen Beteiligten Antworten liefern.


Sobald das automatisierte Fahren auf unseren Straßen ankommt, werden diese Geräte immer häufiger eingesetzt. Die Geräte sind feuer- und stoßfest und ähneln den Blackboxen von Flugzeugen. Wie ein Logbuch speichern sie relevante Informationen, um Aufschluss darüber zu geben, was in den entscheidenden Sekunden vor einem Unfall passiert ist. In Zukunft sollen sie auch den Fahrmodus des Fahrzeugs (autonom oder manuell) aufzeichnen. Das System wird in der Lage sein, Fehler in den Assistenzsystemen, Softwarefehler oder Netzwerkausfälle zu registrieren, die die Kommunikation eines Fahrzeugs mit anderen Fahrzeugen (V2X) beeinträchtigen können.


„Damit werden die meisten Haftungsfragen gelös“, prognostiziert Andrew Garza. „Vielleicht wird es nicht einmal nötig sein, dass Augenzeugen sagen: "Das ist es, was ich gesehen habe". Stattdessen lassen wir die Daten anzeigen. Das ist der beste Beweis, den wir haben können. Die Überprüfung dieser Daten wird ein entscheidender Faktor sein.“

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Wenn selbstfahrende Autos einen Unfall verursachen, haftet weiterhin der Fahrer. (Photo: iStock/vm)

 

Offene Fragen bleiben bestehen

Während die Daten dieser Recorder Antworten geben können, wirft ihre Sammlung weitere Fragen auf. Laut Jacob Fuest werden die wichtigsten Herausforderungen darin bestehen, sensible Fragen des Datenschutzes zu lösen und die Prozesse zwischen Automobilherstellern und Versicherern zu standardisieren: „Welche genauen Daten benötigen wir, um festzustellen, was passiert ist? Und wie fragen wir nach der Erlaubnis, um darauf zuzugreifen? In erster Linie sind die angegebenen Daten Eigentum des Kunden.“


Mit zunehmendem Automatisierungsgrad erwartet Jacob Fuest, dass die Hersteller die Verantwortung dafür tragen, dass ihre Autos im Falle eines Unfalls nicht schuld sind. Volvo hat bereits geltend gemacht, dass es die volle Haftung für Schäden übernimmt, die durch seine autonomen Autos verursacht werden. Sobald die Autohersteller anfangen, mehr automatisierte Fahrzeuge zu verkaufen und wir in einer autonomen Auto-Realität leben, werden „die Autohersteller beim Wort genommen“, erwartet Andrew Garza.


Für den Hersteller werden die Herausforderungen dabei immer komplexer, da immer mehr externe Parteien wie Softwareentwickler oder Mobilfunkbetreiber ins Spiel kommen. „Das autonomes Fahren immer stärker im Kommen ist, führt zu einer signifikanten Steigerung der Teilnehmer auf diesem Gebiet“, beobachtet Fuest. Um die Haftung proaktiv anzugehen, wird es wahrscheinlich vermehrt gegenseitige Vereinbarungen über die Entschädigung zwischen den Parteien geben, um sich vor Schadenersatzansprüchen zu schützen.

 

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Unfallopfer müssen eine schnelle Entschädigung erhalten. (Photo: iStock/Stephan Zabel)

 

Das Damoklesschwert

In den USA können Strafschadenersatzmaßnahmen nach wie vor die größte Bedrohung für die Automobilindustrie darstellen. Denn wenn ein autonomes Fahrzeug „für schuldig befunden“ wird, könnten die Automobilhersteller mit weiteren Ansprüchen auf Entschädigung für das persönliche Leid der Unfallopfer konfrontiert werden.


Könnte der klassische „Millionen-Dollar-Prozess“, der wie ein Damoklesschwert über der Industrie hängt, den Zugang der Verbraucher zur autonomen Mobilität behindern oder gar verhindern? Wahrscheinlich nicht. „Ich denke, autonomes Fahren ist unvermeidlich“, sagt Garza. „Diese Autos werden verfügbar sein. Und obwohl es ebenso unvermeidlich ist, dass einige Automobilhersteller zu vorsichtig agieren werden, werden genügend Unternehmen die Vorteile auf lange Sicht erkennen.“ Auch Jacob Fuest ist sich sicher: „Autonomes Fahren ist ein großer Schritt in eine Zukunft mit weniger Verkehrsunfällen. Deshalb arbeiten wir so eng mit der Automobilindustrie zusammen, um mögliche Hindernisse auf dem Weg in eine sicherere Zukunft zu beseitigen.“


Was ist deine Meinung?

Wie sollten Fragen der Haftung bei selbstfahrenden Autos gehandhabt werden? Und welche Hürden müssen deiner Meinung nach noch genommen werden? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

 

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