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Sind autonome Autos Game Changer für Menschen mit Behinderungen?

Privatleben und Mobilität

Raven Brookes

Raven Brookes

31.01.2019

       

Automatisiertes Fahren könnte das Leben für Menschen mit Behinderungen von Grund auf verändern. Aber unsere Community sieht auch Nachteile.

Diejenigen, die nicht selbst fahren können, verfolgen die Entwicklung selbstfahrender Autos mit großem Interesse. Und sie sind begeistert, was die Fahrzeuge für ihr Leben verändern könnten. Aber auch Menschen mit Behinderungen wünschen sich sinnvolle Perspektiven und die frühzeitige Berücksichtigung ihrer individuellen Bedürfnisse.

 

Dieses komplexe Thema hat die unterschiedlichsten Gesichtspunkte. Heute werfen wir einen genaueren Blick auf einige der wichtigsten Punkte in der Debatte.

 

 

WIE ALLES BEGANN

Die Debatte über autonome Fahrzeuge und ihren Nutzen für Menschen mit Beeinträchtigungen begann im November 2016 mit einem Interview des britischen Verkehrsberaters James Welling, der unter Cerebralparese (einer Nervenschädigung im Gehirn) leidet.

 

 

Dieses Interview, in dem die Auswirkungen von selbstfahrender Technologie auf Menschen mit Behinderungen diskutiert wurden, löste eine Multi-Channel-Diskussion aus. Aus der sind zwei neue Argumente hervorgegangen. Aber bevor wir uns damit befassen, wollen wir die aktuelle Situation betrachten.

 

 

DER STAND DER DINGE IN GROSSBRITANNIEN

Um die Dinge ins Verhältnis zu bringen: im Vereinigten Königreich leben rund 65 Millionen Menschen, von denen über 11 Millionen eine einschränkende Langzeitkrankheit, Beeinträchtigung oder Behinderung teilen. Das ist ungefähr jeder fünfte britische Bürger.

 

Laut einer Umfrage der britischen Regierung aus dem Jahr 2014, sind die am häufigst gemeldeten Beeinträchtigungen solche, die die Mobilität einschränken. Die gleiche Umfrage besagt, dass etwa ein Fünftel der Menschen mit Behinderungen Schwierigkeiten beim Zugang zu und der Nutzung von Verkehrsmitteln hat.

 

 

Das sind Fakten, die James Welling sehr genau kennt. Und darauf spielt er im ursprünglichen Interview an.

 

 

ZURÜCK ZUM GESPRÄCH

Die erste Schlussfolgerung aus dem Originalartikel ergab, dass Menschen mit Behinderungen – im Gegensatz zur allgemeinen Zielgruppe für selbstfahrende Technik – absolut darauf angewiesen sind, in irgendeiner Weise "gefahren" zu werden. Sie haben öffentliche Diskussion über die Entwicklung des automatisierten Fahrens von Anfang an sehr aufmerksam verfolgt.

 

Diese Gruppe kann und hat einige starke und oft überraschende Ansichten zu diesem Thema vertreten. Autonomes fahren ist nicht nur ein Feature, das ihr tägliches Leben angenehmer macht, es könnte auch ein sofortiger „Gamechanger“ für ihr gesamtes Leben sein.

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(Foto: shutterstock.com / Rock and Wasp)

ARGUMENTE FÜR FAHRERLOSE AUTOS - AUS DER PERSPEKTIVE DER BEEINTRÄCHTIGTEN

Die Kernpunkte der Diskussion um den Originalartikel können folgendermaßen zusammengefasst werden:

 

  1. Beeinträchtigte Menschen können ein Fahrzeug besitzen oder teilen, ohne auf spezielle Dienstleistungen angewiesen zu sein.
  2. Selbstfahrende Autos werden die "menschliche Funktion", von der Menschen mit Beeinträchtigungen abhängig sind, nicht ersetzen.

 

Aber was bedeutet das für uns? Gehen wir tiefer ins Detail:

 

 

1. BEEINTRÄCHTIGTE MENSCHEN KÖNNEN EIN FAHRZEUG BESITZEN ODER TEILEN, OHNE AUF SPEZIELLE DIENSTLEISTUNGEN ANGEWIESEN ZU SEIN.

Die meisten Menschen, die auf diese Art beeinträchtigt sind, kommen entweder mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit Hilfe von zugewiesenen Fahrdiensten gut zurecht. Allerdings weisen diese Verkehrsmittel oft ihre eigenen Tücken für beeinträchtigte Nutzer auf.

 

James Welling weist in seinem Interview darauf hin, dass er in seiner Jugend "in einem kleinen Dorf weit abseits der Hauptstraße" lebte und immer jemanden brauchte, der ihn in die nächste Stadt mitnahm. Dadurch fühlte er sich "ziemlich isoliert". Welling kann zwar positive Dinge über die aktuelle Verkehrssituation für Beeinträchtigte im Vereinigten Königreich berichten, aber seine Grundhaltung zu diesem Thema ist: "Im Moment gehen wir rückwärts", indem wir nicht in die Infrastruktur investieren und Personal in diesem wichtigen öffentlichen Sektor abbauen.

 

Hier kommt der Hauptvorteil von selbstfahrenden Autos für beeinträchtigte Menschen zum Tragen. Fahrerlose Fahrzeuge werden automatisch zu einem leichter zugänglichen und komfortableren Transport für alle Beteiligten beitragen, ohne dass Dritte auf irgendeiner Ebene eingreifen müssen. Es könnte auch billiger sein, wenn mehrere Personen sich ein Fahrzeug teilen.

 

Aber, wie bei allen Lösungen für jedes komplexe Problem, gilt: Es ist nicht perfekt.

 

2. SELBSTFAHRENDE AUTOS WERDEN DIE "MENSCHLICHE FUNKTION", VON DER MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN ABHÄNGIG SIND, NICHT ERSETZEN.

Beeinträchtigungen sind so individuell wie die Menschen, die mit ihnen leben. Alle diese Menschen haben ihre eigenen spezifischen Bedürfnisse abseits der fehlenden Fahrtüchtigkeit.

 

Ein Beispiel, das von einem Kommentator des Originalartikels in die Diskussion eingebracht wurde, sind Schädel-Hirn-Traumata (SHT), die bei Veteranen auftreten "und zusätzlich die führende schwere Verletzung bei Autounfällen, Schlaganfällen und anderen Verletzungen sind". SHT können die visuelle Wahrnehmung stören. Das bedeutet, dass die Augen zwar selbst "arbeiten", aber die Person nicht korrekt verarbeiten kann, was sie sieht.

 

Menschen mit Behinderungen können alle Arten von Hilfe benötigen - Dienstleistungen, die heute oft von unbekannten Helden erbracht werden, wie in der Diskussion erwähnt: "Der Taxifahrer, der das täglich tut, wird nicht anerkannt, ebenso wenig wie der Busfahrer oder der Verkehrspolizist."

 

Ein anderer Teilnehmer der Diskussion sagte: "Einige Leute werden immer Betreuer brauchen, um sie in und aus dem [Fahrzeug] zu heben oder sogar mit ihnen zu reisen. Das bedeutet, dass sie (und die Gesellschaft, wenn wir die Kosten subventionieren, wie wir es eigentlich tun sollten) jemanden bezahlen müssen, damit eine Person die menschlichen Funktionen, die ihre Fahrer momentan ausüben, noch erfüllen kann."

 

Alle Bedenken, die gegenüber Menschen geäußert werden, die persönliche Unterstützung benötigen, sind wichtig, um zu verstehen, dass Technologie nicht vollständig die Kontrolle übernehmen wird. Es gilt auch unser eigenes Argument, dass Menschen mit Behinderungen Gefahr laufen, weniger sozial aktiv zu sein. Das Wegfallen von sozialen Interaktionen während des Transports könnte in einigen Fällen zu einer weiteren Isolation führen. Um dem entgegenzuwirken, könnte die fahrerlose Technologie einen leichteren Zugang zu Freunden, Familie und Ereignissen ermöglichen. Das könnte dieses Defizit ausgleichen.

 

Offensichtlich kann die "menschliche Funktion" für diese Gruppe nicht außer Acht gelassen werden, und das sollte sie auch nicht. Daher ist es wichtig, automatisiertes Fahren nicht als das Allheilmittel für jedes Problem darzustellen, mit dem Menschen mit Beeinträchtigungen auf Reisen konfrontiert sind. Stattdessen müssen Lösungen, die den entscheidenden menschlichen Faktor beibehalten, in den Vordergrund gestellt werden.

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(Foto: shutterstock.com / bbernard)

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