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Hilft Autonomes Fahren vor allem alten Menschen? Interviews aus Japan, dem Land der Senioren

Privatleben und Mobilität

Raven Brookes

Raven Brookes

10.04.2019

       

Im Großraum Tokio leben 38 Millionen Menschen, die durch eines der beeindruckendsten Verkehrssysteme der Welt miteinander verbunden sind. Ein Netzwerk aus Hochgeschwindigkeitszügen, U-Bahnen, Taxis, Bussen und Fahrrädern bringt die Menschen in Tokio ans Ziel.

Die Bevölkerung in Japan altert rapide – schon jetzt hat das Land den höchsten Bevölkerungsanteil an Senioren weltweit. Japan ist bekannt dafür, den daraus entstehenden Problemen mithilfe von Technologien zu begegnen. Neben künstlicher Intelligenz und Robotik könnten auch selbstfahrende Autos eine Lösung sein.

 

Begleiten Sie 2025AD auf einer eine Bustour quer durch die Stadt während des traditionellen Hanami Kirschblütenfestes. Wir haben unsere Mitreisenden gefragt, was ihrer Meinung nach die demographische Entwicklung für Japan bedeutet und welche Rolle autonomes Fahren dabei spielen könnte.

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(Foto: drpgroup.com)

DAISUKE, 27 JAHRE, GRAFIKDESIGNER

2025AD: Darf ich fragen, wie alt du bist und was du machst?

 

Daisuke: Ich bin 27 Jahre alt und ich bin Designer.

 

2025AD: Wie kommt man normalerweise durch Tokio?

 

Daisuke: Hmm, meistens mit Zügen und der U-Bahn. Ich wohne aber in der Nähe meiner Arbeit, das sind nur ein paar Stopps. Wenn es schön ist, laufe ich.

 

2025AD: Wohnt deine Familie in Tokio?

 

Daisuke: Nein. Ich bin aus Saitama, einem Vorort nördlich von Tokio. Meine Eltern wohnen noch dort.

 

2025AD: Glaubst du, dass du ihnen im Alter helfen musst?

 

Daisuke: Es ist beängstigend, darüber nachzudenken, aber ja, ich werde mich wahrscheinlich um sie kümmern müssen.

 

2025AD: Wie sieht es mit künstlicher Intelligenz [KI], Robotern und fahrerloser Technologie aus? Glaubst Du, dass diese Technologien in Zukunft eine Rolle in der Altenpflege spielen werden?

 

Daisuke: Das behaupten zumindest viele. Aber ich bin mir nicht so sicher. Ich glaube, all diese Dinge müssten sich noch deutlich verbessern. Ich möchte nicht, dass sich so etwas wie Pepper [von Softbank Robotics] um meine Eltern kümmert [lacht]. Wir haben aber bereits fahrerlose Züge, das ist in Ordnung. Vielleicht fahren sie sogar besser als Menschen.

 

2025AD: Wie sieht es mit fahrerlosen Autos und Bussen aus?

 

Daisuke: Taxis und Autos werden fahrerlos sein, denke ich. Meine Mutter benutzt die Busse in Saitama, aber das scheint komplizierter zu sein.

 

2025AD: Wieso das?

 

Daisuke: Woher weiß der Bus, wann alle sitzen und eingestiegen sind? Alte Menschen fallen oft und die menschlichen Fahrer sind geschult, um ihnen zu helfen. Vielleicht braucht man mehr Roboter im Bus [lacht]? Ich weiß es nicht, schwer zu sagen.

 

2025AD: Ja, es geht um viel mehr als das reine Fahren. Glaubst Du, dass Tokio in naher Zukunft fahrerlose Technologie einführen wird?

 

Daisuke: Ich denke, wir nehmen hier in Tokio lieber den Zug. Züge fahren also definitiv irgendwann automatisch. Busse und Autos... Das bezweifle ich. Nicht, wenn die Technik nicht viel besser wird.

 

2025AD: Danke für deine Zeit, genieße Hanami!

 

Daisuke: Du auch!

 

 

SATORU, 41, GASTRONOMIN

2025AD: Schön, dass du mit uns redest. Darf ich fragen, wie alt Du bist und was du beruflich machst?

 

Satoru: Ich bin 41 Jahre alt und besitze eine Weinbar.

 

2025AD: Wie pendelst du zur Arbeit?

 

Satoru: Zu Fuß. Ich wohne in der Nachbarschaft.

 

2025AD: Ist deine Familie aus Tokio?

 

Satoru: Ja. Aber ich habe 11 Jahre lang in Neapel, Italien, gelebt.

 

2025AD: Wow! Wie war das?

 

Satoru: Jeder Tag war sehr aufregend! Ganz anders als in Japan. Dort ist es wild und lustig. Aber wenn man älter ist, ist es in Japan wahrscheinlich einfacher, glaube ich.

 

2025AD: Macht es das Verkehrssystem einfacher, hier zu leben?

 

Satoru: Ja, ich glaube schon. Das japanische System ist organisiert und wir mögen es, wenn die Dinge ruhig und sauber bleiben. Manchmal vielleicht zu viel. Wir sollten uns auch manchmal entspannen wie die Italiener [lacht].

 

2025AD: Hanami scheint dann für japanische Verhältnisse aber sehr entspannt zu sein, oder?

 

Satoru: Das ist wahr! Wir feiern auch gerne, nehme ich an.

 

2025AD: Machst du dir Sorgen um die Zukunft Japans? Die Bevölkerung wird älter und schrumpft.

 

Satoru: Ja, natürlich. Jeder macht sich Sorgen darüber. Aber ich denke, Japan wird einen Weg finden. Wir können auch mit sehr wenig zufrieden sein.

 

2025AD: Was ist mit deiner Familie? Denkst du, selbstfahrende Autos würden helfen, sich um sie zu kümmern?

 

Satoru: Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, wir brauchen weniger Autos. Auch die Bus- und Taxifahrer sind heutzutage meist schon alt. Vielleicht können Ausländer diese Aufgaben in Zukunft übernehmen? Man sieht schon jetzt ausländische Arbeitskräfte in Tokios Gemischtwarenläden. Das ist in Ordnung.

 

2025AD: Irgendwelche Vorhersagen für die Zukunft des Verkehrs in Tokio?

 

Satoru: Wer weiß? Vielleicht ist alles automatisiert! Aber das dauert wahrscheinlich noch lange. Ich werde jedenfalls zu alt sein, um es wirklich zu erleben [lacht].

 

2025AD: Vielen Dank für Deine Zeit!

 

Satoru: Grazie a te! Ciao, arrivederci!

 

 

KAORI, 49 JAHRE, BÜROANGESTELLTE

2025AD: Würdest du dich bitte kurz vorstellen?

 

Kaori: Ich bin Kaori Shinagawa. Ich bin 49 Jahre alt und arbeite in einem Büro.

 

2025AD: Was hast du für einen Arbeitsweg?

 

Kaori: Ich nehme den Bus und dann den Zug. Ich hasse es!

 

2025AD: Warum?

 

Kaori: Im Bus wird mir übel und die Hauptverkehrszeit im Zug ist schrecklich. Es ist überfüllt und stressig.

 

2025AD: Glaubst Du, dass fahrerlose Technologie dazu beitragen kann, dass die Hauptverkehrszeit in Zukunft angenehmer wird?

 

Kaori: Vielleicht. Wenn man in dieser Zeit mehr Züge bereitstellen könnte. Wenn die KI sicherstellen kann, dass stündlich viel mehr Züge fahren. Solange die Technik sicher ist, werden die Japaner sie nutzen. Wir mögen keine Risiken.

 

2025AD: Was sind deiner Meinung nach die Risiken der fahrerlosen Technologie?

 

Kaori: Hmm, vielleicht bricht alles während einer Naturkatastrophe zusammen, oder jemand infiziert die Computer mit einem Virus? Es wäre besser, für diesen Fall jemanden zu haben, der die Verantwortung trägt.

 

2025AD: Glaubst Du, dass fahrerlose Technologie in Zukunft helfen kann, sich um ältere Menschen zu kümmern?

 

Kaori: Solange die Technik sicher ist, ja. Aber ich denke, es ist kompliziert. Vielleicht sind jüngere Menschen der Technologie gegenüber zutraulicher und haben nichts dagegen.

 

2025AD: Danke für deine Zeit, genieße die Kirschblüte!

 

Kaori: Danke!

 

 

HERR UND FRAU HARA, 74, PENSIONIERT

2025AD: Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

 

Herr. Hara: Ich bin 74 Jahre alt und pensionierter Keramikhändler.

 

Frau. Hara: Ich bin 70 Jahre alt. Ich bin seine Frau (lacht).

 

2025AD: Sind Sie aus Tokio?

 

Hr. Hara: Nein, wir sind von Kyushu hierhergefahren, wegen der Kirschblüte.

 

2025AD: Sie sind von Kyushu hierher gefahren? Das ist wirklich weit weg. Warum haben sie nicht den Zug genommen oder sind geflogen?

 

Hr. Hara: Wir wollten uns Zeit nehmen und die Landschaft auf dem Weg genießen.

 

Fr. Hara: Es war so eine schöne Reise. Wir machen unterwegs Halt, damit wir mehr sehen können. Vom Shinkansen [Hochgeschwindigkeitszug] aus kann man nicht viel sehen.

 

2025AD: Glauben Sie, dass selbstfahrende Autos für eine solch lange Reise geeignet wären?

 

Hr. Hara: Nein, nein, nein. Ich fahre gerne selbst. Wir haben sogar noch Landkarten aus Papier. Es ist altmodisch, aber es gefällt mir.

 

Fr. Hara: Ich weiß nicht, warum alles automatisch ablaufen muss. Wir werden irgendwann vergessen, wie man Dinge selbst erledigt.

 

2025AD: Würden Sie mit einem selbstfahrenden Bus fahren?

 

Fr. Hara: Gibt es die schon? Ich glaube nicht, dass die schon fertig sind.

 

Hr. Hara: Vielleicht. Aber wir brauchen diese komplizierten Sachen nicht wirklich. Vielleicht wird es in Zukunft notwendig sein, aber im Moment nicht. Menschliche Fahrer sind hilfreich.

 

2025AD: Wenn fahrerlose Automobile zu 100 Prozent sicher und in Ihrer Nähe verfügbar wären, würden Sie sie dann benutzen?

 

Hr. Hara: Ja. Wenn sie sicher wären, würden die meisten Leute sie auch benutzen, denke ich.

 

Fr. Hara: In Tokio wird es sie zuerst geben. Aber der ländliche Raum hat es definitiv nötiger.

 

2025AD: Wie hat der Verkehr Japan in der Vergangenheit verändert? Wie wird er sich Ihrer Meinung nach in Zukunft ändern?

 

Hr. Hara: Hmm, Züge sind schon sehr praktisch. Wir können weit von unseren Familien weg sein und dann zum Obon [traditionelles Fest zur Ehrung der Ahnen] oder an Neujahr zurückkommen. Die jungen Leute sind ja alle in die Städte gezogen. Was die Zukunft bringt, weiß ich nicht. Der ländliche Raum wird vielleicht völlig leergefegt sein.

 

Fr. Hara: Und sie bauen jetzt die Magnetschwebebahn, die noch schneller ist als der Shinkansen. Die Menschen könnten in Osaka arbeiten und in Tokio leben. Es ist wirklich komisch, aber es wird so kommen.

 

Hr. Hara: Alles verändert sich ständig. Das ist die Natur des Menschen.

 

2025AD: Vielen Dank für Ihre Zeit, genießen Sie die Rückfahrt nach Kyushu.

 

Hr. Hara: Du auch. Viel Erfolg bei deiner Arbeit!

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(Foto: drpgroup.com)

In Japan bricht ein neues Zeitalter an und die Japaner scheinen bereit, die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen mit einer Mischung aus Aufgeschlossenheit und Respekt vor der Tradition zu akzeptieren. Die Bevölkerungszahl insgesamt wird weiter schrumpfen, während Megastädte wie Tokio und Osaka weiterwachsen. Die Befragten waren der Meinung, dass fahrerlose Technologie eine Chance haben wird, ein wichtiger Bestandteil des Lebens zu werden. Vorausgesetzt, die Technologie erfüllt die hohen Sicherheitsstandards des japanischen Verkehrssystems. In naher Zukunft werden dieselben Leute, die wir befragt haben, womöglich selbstfahrende Busse, Taxis und Züge nutzen, um die Kirschblüte in Tokio zu bewundern es ist nur eine Frage der Zeit.

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