COVID 19: Smarte Mobilität geht viral

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Frédéric John

Frédéric John

27.04.2020

       

Das Coronavirus als Trendbeschleuniger

Wer hätte solch einen Jahresbeginn jemals Wer hätte diesen Jahresbeginn so vorhersehen können? Ich erinnere mich noch an die guten Vorsätze, die wir alle im Januar gefasst haben. Aber sei’s drum: Lasst uns genau diese positive Energie jetzt nutzen und nach vorne blicken!

Covid-19 wirkt sich ganz erheblich auf unser Leben aus: Wir sind einerseits weniger mobil und andererseits werden mehr Waren bewegt. Aber wahrscheinlich haben wir alle zu diesen Themen mittlerweile mehr als genug gehört und gelesen. Jetzt ist meines Erachtens vielmehr der richtige Zeitpunkt, innezuhalten und darüber nachzudenken, was sich im Bereich der „Smart Mobility“ verändert hat und was in nächster Zukunft dort noch geschehen könnte.

 

 

Die Triebkräfte der Mobilitätsrevolution 

Um die Auswirkungen von Covid-19 auf die Transportindustrie bewerten zu können, konzentrieren wir uns auf die Haupt-Triebkräfte, die die Mobilitäts-Revolution antreiben.

The mobility revolution drivers
Foto: Neckermann

Um zu untersuchen, wie sich die Pandemie auf den städtischen Verkehr auswirkt, konzentriere ich mich auf die Haupt-Treiber der Mobilitäts-Revolution. Ich habe aus vielen Treibern die sechs in meinen Augen wichtigsten ausgewählt: Verkehrsbelastung, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsstruktur, Regulierung, Infrastruktur und Technologie.

 

 

Technologie, Regulierung und Infrastruktur sind die Mobilitätsfaktoren, die am negativsten beeinflusst wurden. Noch vor der Krise waren sie es, die am meisten auf die Industrie eingewirkt und für deren Entwicklung gesorgt haben

Dass diese Faktoren Regulierung, Technologie und Infrastruktur, die vor der Krise die Haupttreiber der Branche waren, jetzt am negativsten vom Virus betroffen sind, hat mich sehr überrascht.

 

 

Technologie

Es steht weniger Geld zur Verfügung, um alles finanzieren zu können. Aber es ist immer noch genug, um mit einem geeigneten Team gute Projekte zu realisieren.

Vor Covid-19 wurden beträchtliche Summen in die Mobilität der Zukunft und die Weiterentwicklung der Technologie gesteckt. Seit 2010 wurden 220 Mrd. US-Dollar in neue Start-ups investiert, davon mehr als 33 Mrd. US-Dollar allein im Jahr 2019. Wie sieht es mit 2020 und den kommenden Jahren aus? Man weiß es nicht, aber ich habe das Gefühl, dass noch genug Geld für gute Unternehmen mit geeigneten Teams und entsprechenden Projekten übrig ist. Im März 2020 konnte Waymo 2,25 Mrd. US-Dollar und DiDi 300 Mio. US-Dollar aufbringen. In deren Windschatten aber hat Neolix, das in China eine Art Führungsrolle bei der autonomen Lieferung von Lebensmitteln eingenommen hat, im gleichen Monat 29 Mio. US-Dollar aufgebracht. Noch interessanter ist, dass diese Gelder von verschiedenen Investoren kommen, was zeigt, wie diversifiziert Mobilitätsinvestoren sein können. Also, ja, es wird eine allgemeine Verlangsamung der Forschung und Entwicklung geben, die zu weniger Investitionen, aber sicherlich nicht zu einer geringeren Qualität der entwickelten Projekte führen wird.

 

 

Regulierung

Regulierungsbehörden dürften zurzeit andere Prioritäten setzen.

Da die Regulierungsbehörden bereits jetzt damit kämpfen, mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten, werden sie sich auf die Rettung der Weltwirtschaft und nicht auf eine bestimmte Branche konzentrieren. Aus diesen und anderen Gründen wird dies natürlich das Tempo verringern, mit dem die Behörden spielbeeinflussende Entscheidungen treffen werden. Meiner Meinung nach ist jetzt genau die richtige Zeit, darüber nachzudenken, was funktioniert hat und was nicht (bspw. Versuche mit autonomen Fahrzeugen, E-Scootern, Carsharing-Angeboten usw.).

 

 

Infrastruktur

Ähnlich wie bei der Technologie müssen wir im Infrastruktur-Sektor mit seinem Jahresumsatz in Höhe von 3,7 Billionen US-Dollar mit einem Rückgang der Investitionen rechnen. Mehr noch: Es wird für diesen Teil der Mobilitätsindustrie Rückschritte geben im Nachdenken darüber, wie der städtische Raum aufgeteilt wird. Zum Beispiel wurden in Bogota von einem Tag auf den anderen 76 Kilometer Fahrradwege neu ausgewiesen, um die soziale Distanzierung abzubauen. London, genauso wie Mexiko, geht von temporären Entscheidungen zugunsten des Raums für Radfahrer zu dauerhaften Maßnahmen über. Zweifellos handelt es sich dabei um eine kurzfristige Ruhephase, um die Entwicklung umso schneller und stärker auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet wieder in Gang zu bringen.

bogota
Foto: Bogota

Vor der Krise waren Umweltverschmutzung, Verkehrsüberlastung und die Akzeptanz der Mobilitätswende durch die Bevölkerung extrem schwierig zu beeinflussen. Das Coronavirus hat in dieser Hinsicht aber signifikante und positive Auswirkungen.

Apropos Bevölkerung: Die Menschen gehören neben Verkehrsbelastung und Umweltverschmutzung zu den Triebkräften, die nur sehr schwer zu beeinflussen, zu verändern und kurzfristig zu verbessern waren. Doch die Faktoren wurden von einem Tag auf den anderen drastisch verändert. Ich erspare dir an dieser Stelle die „bahnbrechende“ Analyse, dass weniger Autos auf unseren Straßen zu weniger Umweltverschmutzung und weniger Staus führen. Schau einfach durch deine Frontscheibe und du kannst deine eigenen Schlüsse ziehen. Aber warum genau erwähne ich die Menschen an dieser Stelle?

Nach meinen neuesten Forschungsergebnissen wird die Akzeptanz der Menschen von Akteuren der Mobilitätsbranche oft unterschätzt. Inzwischen können wir einige Folgen dieses vergessenen Aspekts in ihrer Strategie feststellen. Denn eine Vielzahl der großen Mobilitätsanbieter auf der ganzen Welt steigt entweder aus einigen Märkten wieder aus –meist aufgrund einer niedrigen Auslastungsrate – oder aber überdenkt ihre Strategie dramatisch in Richtung „Mehrwert für die Menschen“.

 

Covid-19 verlagert die Debatte über die Mobilität der Zukunft weg von Technik, Regulierung und Infrastruktur auf das, was wirklich zählt: die Nutzer

Ich habe in der Tat den Eindruck, dass die Covid-19-Krise endlich (!) die Debatte über intelligente und urbane Mobilität von der Technologie, Regulierung und Infrastruktur zu uns, den Nutzern, verlagert. Wir scheinen jetzt erst zu begreifen, dass ohne die Menschen, die die Mobilitätsdienste auch nutzen, es überhaupt keine Dienste geben wird!

Daraus ergibt sich die Frage, die wir uns stellen müssen: Wer sind die Gewinner und die Verlierer in Zeiten von und nach Covid-19? Wer wird krank und wer wird „viral gehen“?

 

Und die Gewinner sind: Die Erde, die Stadtlogistik, ein Teil der Mikromobilität und autonome Fahrzeuge. Herzlichen Glückwunsch!

Die Gewinner

Die Erde! Es gibt Bilder, die mehr sagen als lange Beschreibungen. Aber schau selbst:

Im Bereich der Mobilitätsdienstleistungen zähle ich auch die Stadtlogistik, einen Teil der Mikromobilität sowie autonome Fahrzeuge zu den Gewinnern.

 

Wir stellen bereits ein beeindruckendes Wachstum bei den städtischen Lieferungen fest – und das ist erst der Anfang!

Die Stadtlogistik ist ein Teil der Branche, der vom Ausbruch des Virus unglaublich profitiert. Die Menschen testen neue Wege des Einkaufens, Essen-Gehens und bei der Erledigung von Besorgungen aus. Meiner Ansicht nach sehen wir hier den Beginn einer ernsthaften Veränderung des Verbraucherverhaltens, die zu einem exponentiellen Wachstum der städtischen Lieferungen führt.

 

Die Situation für E-Scooter ist mehr als kritisch. Aber ich wiederhole es immer wieder: Sie hat ihre Ursachen schon vor dem Virus, und zwar durch mangelnde Berücksichtigung der Nutzer.

Auch die Mikromobilität, einschließlich aktiver Fortbewegung wie Gehen, gehört irgendwie zu den Gewinnern. Abgesehen von den Rollern, die dramatisch getroffen wurden, scheinen die anderen Verkehrsmittel, die sich auf die erste und letzte Meile konzentrieren, gut abzuschneiden. Wie kritisch die Situation für E-Scooter-Unternehmen ist, zeigte Bloomberg in einem Bericht auf: Demnach könnte alleine Lime innerhalb von zwölf Wochen (Stand: 8. April) bankrott gehen. Allein in Paris, dem größten Einzelmarkt von Lime (Stand: Mitte März), sank die Zahl der Fahrten innerhalb von drei Tagen um 98 Prozent. Darüber hinaus mussten laut Techcrunch Anfang dieses Monats 406 von 1.387 Beschäftigten das E-Scooter-Unternehmen Bird verlassen. Die Situation ist mehr als kritisch. Aber ich wiederhole es immer wieder: Die missliche Lage wurde lange vor dem Ausbruch des Virus ausgelöst, weil der Mehrwert der E-Scooter für die Endbenutzer kaum berücksichtigt wurde.

Letztendlich ist der Teil der Mobilitätswelt, der meiner Ansicht nach am besten aus dieser Krise herauskommt, der autonome Verkehr. Was von einigen vielleicht noch als ausgefallene futuristische Technologie angesehen wird, erhält jetzt die einmalige Chance zu beweisen, welch großen Einfluss es auf unsere Gesellschaft nehmen kann. In Asien wächst das Interesse an autonomen Warenlieferung in Städten. Pilotprojekte wurden dort bereits von Großanbietern gestartet, so zum Beispiel die autonomen medizinischen Lieferungen, die JD.com seit Anfang Februar anbietet. Ein weiteres Beispiel ist Meituan Dianping, das erste autonome Lebensmittellieferung für diejenigen anbietet, die nicht in der Lage sind, ihre Wohnung zu verlassen.

JD.com delivery pod
Foto: JD.com

Denken wir mal an das unter Druck stehende Krankenhauswesen. Laut einer Umfrage für die Studie „Being Driven“, die wir für Neckermann Strategic Advisors durchgeführt haben, gaben die Befragten an, dass sich „Krankentransporte“ besonders gut für die Durchführung durch autonome Fahrzeuge eigenen würden.

Neckermann autonomous concepts study
Foto: Neckermann

Warum gewinnen wir nicht Zeit für unserer Helden (also Krankenwagenfahrer und Ärzte) durch fahrerlose Krankenwagen? Die Mayo Clinic in Jacksonville in Florida hat sich diesen Vorteil zunutze gemacht: Autonome Shuttles transportieren Coronavirus-Tests von einer Drive-in-Testklinik zum Untersuchungslabor. Mit einem Wort: Bravo!

Self driving vehicle
Foto: https://newatlas.com/automotive/autonomous-shuttles-covid-19-test-mayo-clinic/

Die anderen

Elektrofahrzeuge, Shared Mobility und Autohersteller werden es schwer haben ...

Es gibt Gewinner und es gibt ... die anderen. Ich möchte diesen Artikel in einem positiven Geist halten, deshalb werde ich in diesem Absatz nicht allzu sehr ins Detail gehen (vielleicht in einem anderen Artikel?).

 

Meiner Meinung nach ist die Elektrifizierung im Mobilitätssektor durch diese Krise kurzfristig stark beeinträchtigt. Ich brauche hier nicht alle Faktoren aufzuzählen, die diese Aussage stützen (ich bin gerne bereit, darüber zu diskutieren, wenn ihr wollt). Es gibt aber offensichtliche Faktoren wie den niedrigen Benzinpreis oder den Überlebensmodus der OEMs, die höchstwahrscheinlich eine Neuausrichtung der Ressourcen auf aktuelle und nicht auf zukünftige Modelle auslösen. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel verlieren während des Ausbruchs viel, aber das ist nur vorübergehend. Mobilität als Dienstleistung (MaaS – Mobility as a Service) und hier insbesondere Ridehailing- und Carsharing-Unternehmen sind stark betroffen. Ich hoffe, dass dies endlich der Auslöser dafür sein wird die Unternehmen dazu zu bewegen, über spezifische gemeinsam genutzte Fahrzeuge nachzudenken. Mit anderen Worten: Autos, die wir gerne mit anderen teilen würden. Schau dir nur mal das Bild unten an. Das ist kaum zu glauben, oder?

 

Schutz- und Komfortfunktionen für Fahrer und Fahrgäste sollten in Ridehailing-Fahrzeugen längst Standard sein.

taxi service
Foto: https://gulfnews.com/world/asia/coronavirus-plastic-shields-protect-chinas-ride-hailing-drivers-against-virus-1.69944750

Kaum zu glauben!

Schutz- und Komfortfunktionen für Fahrer und Fahrgäste sollten in Ridehailing-Fahrzeugen längst Standard sein. Vielleicht sollten wir über geteilte UND geschützte Mobilität sprechen?

Und ganz ehrlich: Ihr genialen Leute, die diese Schutzmaßnahmen auf dem Foto angebracht habt, um das auszugleichen, was die Anbieter und Hersteller nicht in Betracht gezogen (und entwickelt) haben: gut gemacht!

 

Ist geteilte UND geschützte Mobilität eine neue Anforderung, den Erwartungen der Endbenutzer gerecht zu werden?

Auch hier hat die Industrie der Mobilitätsanbieter unterschätzt, dass die Nutzer in den Fahrzeugen Lebewesen sind, die Emotionen und Frustrationen empfinden. Apropos Emotionen: Wie werden sich die Menschen nach der Krise gegenüber den „Shared Services“ verhalten? Ich spreche nicht einmal speziell über Mobilität, sondern allgemein darüber, wie sich das Coronavirus auf die Sharing Economy und den Wirtschafskreislauf auswirken wird. Ich weiß es nicht, und es ist noch zu früh, um mir eine abschließende Meinung dazu zu bilden. Wenn jemand neue Erkenntnisse dazu hat, würde ich mich freuen, diese zu hören.

 

Und dennoch: Dank Covid-19 fokussieren wir uns jetzt auf das, was wirklich zählt: du, ich, unsere Familien, Freunde und die zukünftigen Generationen!

 

 

Für die OEMs war es schon vor Corona schwierig, und es scheint, dass sich dies mit der Krise noch einmal verschärft.

Schließlich gehören die OEMs meiner Ansicht nach zu den am stärksten betroffenen Unternehmen seit langem. Die Situation war schon vor Corona schwierig, jetzt scheint sich die Lage noch einmal zu verschärfen.

 

 

Die Zukunft der Mobilität nach der Krise? Ich habe keine Ahnung, aber ...

Zum Abschluss dieses Artikels möchte ich einen Blick darauf werfen, wie die Zukunft der Mobilität nach dieser Krise aussehen könnte. Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Das Einzige, dessen ich sicher bin, ist, dass das Mobilitätsverhalten der Menschen von drei Faktoren bestimmt wird: Bequemlichkeit, Erfahrung und Erschwinglichkeit (siehe die blauen Kreise in der Abbildung unten). Es scheint, dass diese Faktoren nun vorübergehend auf Eis gelegt sind. Deshalb sehen wir eine Zunahme des Fahrrad- oder Fußgängerverkehrs und weniger Taxifahrten. Aber schon bald werden die drei Faktoren das Verhalten der Endnutzer wieder bestimmen.

 

 

Wer wird in einer sich wandelnden Branche in der Lage sein, sich selbst als „Fahrer des Volkes“ zu positionieren? 

Convenience affordability and experience

Von der Krise betroffene Mobilitätstreiber werden auf die Verhaltensweisen der Menschen einwirken (blaue Pfeile in der obigen Abbildung). Es wird ein Vor- und ein Nach-Covid-19 geben. Die Frage ist, wer in der Lage sein wird, sich als „Fahrer des Volkes“ zu positionieren und gleichzeitig seine Strategie an das Mobilitätsumfeld nach der Krise anzupassen.

 

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten sind meine persönlichen und stellen nicht die Meinung meines Arbeitgebers oder anderer Parteien dar, mit denen ich zu tun habe. Die vorgestellten Erkenntnisse stammen aus Diskussionen, Forschungen und Analysen.

 

Glaubst du, dass deine Erfahrungen mit dem Coronavirus anders ausgefallen wären, wenn du fahrerlose Fahrzeuge zur Verfügung gehabt hättest? Wirst du dich in Zukunft anders verhalten, wenn du in ein Taxi steigst oder öffentliche Verkehrsmittel benutzt? Wir freuen uns über deine Gedanken dazu in den Kommentaren.

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