Wegweisend: die Experten Björn Filzek (l.) und Andree Hohm.

Die Vision vom autonomen Fahren (Teil 1): Autonomes Fahren ist keine Science Fiction mehr

Technologie und Unternehmen

2025AD Team

2025AD Team

1.12.2015

       

Lernen von Experten: Im ersten Teil unseres Technikgesprächs verraten Dr. Andree Hohm und Dr. Björn Filzek, zwei Ingenieure in leitenden Positionen bei Continental, wie sich die Art und Weise, wie wir fahren, durch Automatisierung verändern wird – und warum Science Fiction der Realität näher ist, als wir denken.

Jeden Tag nehmen wir auf dem Weg zum automatisierten Fahren (AD) an Geschwindigkeit zu. Die Ingenieure arbeiten fieberhaft daran, die Hindernisse auf dem Weg zu beseitigen. Bis zum Jahr 2025 wird das Fahren nicht mehr das gleiche sein. Wir sprachen mit zwei Experten, die ein oder zwei Dinge darüber wissen: Andree Hohm, Leiter des Lighthouse Program Automated Driving und Björn Filzek, Leiter Technology Concepts Automated Driving bei Continental.

 

 

Herr Hohm, Herr Filzek – was bedeutet das Jahr 2025 für Sie?

 

Andree Hohm: Für die Zeit nach 2025 erwarte ich, dass in bestimmten Situationen vollautomatisches Fahren möglich sein wird. Kurz gesagt bedeutet das: In diesen Situationen kann der Fahrer die Kontrolle an das Fahrzeug übergeben – und muss sich nicht mehr um das Auto und die Straße kümmern. Wir werden Zeit für Dinge haben, die uns wichtig sind.

 

Björn Filzek: Zufällig ist 2025 auch das Jahr, in dem meine Tochter das Fahren lernen wird. Es wird Spaß machen, zurückzublicken, wie wir 2016 gefahren sind! In einem Jahrzehnt wird das Fahren völlig anders sein als heute – was man während der Fahrt tun kann, wie die Technologie einen entlastet. Aber Sie können trotzdem manuell fahren, wenn Sie wollen! Wenn Sie zum Beispiel an einem schönen Sommertag auf einer idyllischen, kurvenreichen Straße unterwegs sind.

 

 

Wie werden Sie die Zeit auf dem Fahrersitz verbringen, wenn das Auto die ganze Arbeit erledigt?

 

Hohm: Die Dinge genießend, die heute nicht möglich sind: wie die Morgennachrichten im Fernsehen sehen, eine Zeitung lesen, voll konzentriert telefonieren – oder einfach nur aus dem Fenster schauen und hoffen, etwas Interessantes zu sehen!

 

Filzek: Ich werde Dinge erledigen, die ich normalerweise im Büro tun würde. Auf diese Weise werde ich mehr Zeit mit meiner Familie haben, wenn ich nach Hause komme.

 

 

"EINE NEUE WELTORDNUNG WIRD GESCHAFFEN"

 

 

Die AD-Technologie entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit. Welche sind die spannendsten Funktionen, die in den nächsten Jahren eingeführt werden?

 

Filzek: Drei Dinge werden passieren: Erstens wird das Auto ein Teil des Internets werden. Es wird uns eine Benutzererfahrung ermöglichen, die dem Smartphone ähnlich ist. Zweitens parken die Autos selbst – ohne dass der Fahrer überhaupt im Auto sitzt. Und drittens werden wir über Funktionen verfügen, die ein Auto automatisch auf Autobahnen steuern können.

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Andree Hohm, Leiter des Lighthouse Program Automated Driving bei Continental.

Kommen wir zur Sache: Wie sicher sind Sie, dass wir diese Dinge bis 2025 auf den Straßen sehen werden?

 

Filzek: Die Technologie wird so weit sein, da bin ich mir sicher. Die Frage ist: Wird der Rechtsrahmen auch gegeben sein?

 

Die traditionellen Automobilhersteller scheinen die Einführung von AD als Schritt-für-Schritt-Prozess zu sehen: Fahrerassistenzsysteme werden immer fortschrittlicher, bis wir schließlich den Punkt der Vollautomatisierung erreichen. Inzwischen arbeitet Google am völlig autonomen Auto. Evolution oder Revolution – was wird es sein?

 

 

Hohm: Beides! Die Ansätze widersprechen sich nicht – sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Die Vision der Autohersteller war schon immer das Fahrzeug, das generell in der Lage ist, alle möglichen Bedürfnisse der Mobilität zu erfüllen: Es bringt Sie überall hin – in den Urlaub genauso wie zum Geschäftstermin in der Stadt. Dazu ist eine Schritt-für-Schritt-Annäherung am sinnvollsten. Diese gibt dem Fahrer die Möglichkeit, automatisiertes Fahren in immer mehr Situationen zu nutzen. Auf der anderen Seite richten sich neue Marktteilnehmer an spezielle Bereiche der Mobilität – beispielsweise Megacitys mit ihren zunehmend überforderten Verkehrssystemen. In diesen Bereichen könnte es möglicherweise sinnvoll sein, zu überdenken, ob unser gemeinsamer Ansatz noch passt oder ob wir völlig neue Lösungen benötigen. Google hat sich zum Beispiel diese kleinen autonomen Fahrzeuge ausgedacht, möglicherweise ohne Pedale oder Lenkrad und nur für relativ niedrige Geschwindigkeiten. Ich bin mir absolut sicher, dass am Ende beide Ansätze eine Symbiose eingehen werden.

 

Sollten traditionelle Automobilhersteller das Silicon Valley als Gefahr betrachten? Müssen sie befürchten, dass sie zu bloßen Lieferanten für leistungsstarke neue Automarken von Google und Apple werden könnten?

 

 

Hohm: Der Markt birgt immer Gefahren! Es gibt immer Konkurrenten, die man beobachten muss. Stimmt, mit AD werden sehr viele neue Spieler auftauchen. Es wird ein ganz neues Ökosystem entstehen. Also müssen die Autohersteller vorbereitet sein! Aber viele dieser Unternehmen haben eine ziemlich lange Geschichte – sie hätten nicht 100 Jahre oder mehr überdauert, wenn sie an neuen Herausforderungen gescheitert wären. Ich bin mir sicher: Wenn wir 2025 zurückblicken werden, werden wir feststellen, dass eine neue Weltordnung des Automobils etabliert ist und sowohl die alten als auch die neuen Akteure ihren Platz gefunden haben.

 

 

"AUTOS WERDEN IN DER LAGE SEIN, UM DIE ECKE UND ÜBER DEN HORIZONT HINAUS ZU SEHEN."

 

 

Lassen Sie uns einen genaueren Blick auf die Technologie werfen. Was ist notwendig, um das vollautomatische Fahren Realität werden zu lassen?

 

Filzek: Erstens brauchen wir sehr gute Sensoren. Wir müssen dem Auto ein Bewusstsein für seine Umgebung vermitteln, das in mancher Hinsicht noch besser sein muss als die eines Menschen. Das Auto muss alles sehen, fühlen oder hören, was um es herum vor sich geht.

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Björn Filzek, Head of Technology Concepts Automated Driving bei Continental.

Welche Rolle spielt dabei die künstliche Intelligenz?

 

Hohm: Was Herr Filzek gerade beschrieben hat, ist bereits eine Art Schwarmintelligenz. Aber auch darüber hinaus hat K.I. ein gigantisches Potenzial für autonome Fahrzeuge. Speziell für sehr komplexe Fahrsituationen. Stellen Sie sich ein „Megacity-Crossing-Szenario“ vor: mit verschiedenen Fahrspuren und Ampeln, mit einer Vielzahl von Lichtern und Farben, mit einer nassen und holprigen Oberfläche und verwirrenden Fahrbahnmarkierungen. Dann kommen querende Fußgänger und verschiedene geparkte Autos hinzu. Sie haben ein Szenario, das für menschliche Fahrer zwar eine Herausforderung ist, aber sie sind offensichtlich in der Lage, es zu meistern. Mit den Methoden von K.I. haben wir das Potenzial, Fahrzeuge mit der gleichen Intelligenz auszustatten. Aber davon sind wir noch einige Schritte entfernt.

 

 

Wie würde ein intelligentes Auto eigentlich aussehen? Sagen Sie mir bitte, dass es wie K.I.T.T. in Knight Rider wäre ...

 

Hohm: Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass K.I.T.T. ein realistisches Szenario ist. Aber Hollywood hat in der Tat einige faszinierende Visionen für das automatisierte Fahren hervorgebracht. Schauen Sie sich zum Beispiel "I, Robot" oder "Minority Report" an. Ich liebe es, diese Beispiele aufzuzählen. Einige sind amüsant, andere sind sogar überzeugend. Es ist inspirierend zu sehen, wie sich kreative Menschen beispielsweise eine Mensch-Maschine-Schnittstelle vorstellen. Wir leben in faszinierenden Zeiten – in denen Visionen, die wir aus der Science-Fiction kennen, bald Realität werden könnten.

 

 

Es muss Spaß machen, an dieser Technologie zu arbeiten ...

 

Hohm: Oh ja. Am automatisierten Fahren zu arbeiten ist für einen Ingenieur vergleichbar mit dem Knacken eines Jackpots.

 

 

Aber das ist sicher nicht genug ...

 

Filzek: Stimmt, Autos benötigen eine gewisse Fahrkompetenz. Nur ein Beispiel: Wenn Sie jeden Tag auf derselben Straße zur Arbeit fahren, kennen Sie diese Straße irgendwann so gut, dass Sie über bestimmte Manöver nicht mehr nachdenken müssen. Alles geschieht unterbewusst. Sie reagieren nur auf Dinge, die ungewöhnlich sind, z. B. eine Baustelle. Automatisierte Autos werden über diese Fahrkompetenz verfügen – und noch mehr: Sie werden ihre Erfahrungen über einen Backend-Server austauschen. Dies bildet dann ein kollektives Gedächtnis.

 

 

So können Autos andere Autos informieren, was sie hinter der nächsten Kurve erwartet?

 

Filzek: Genau. So können Autos nicht nur ihre Umgebung sehen, sondern auch um die Ecke und über den Horizont hinaus schauen. Sie werden über eine Baustelle informiert sein, lange bevor sie überhaupt für das Auge oder die Kamera sichtbar ist.

 

 

Müssen Autos vernetzt werden, um automatisiert zu werden?

 

Filzek: Nein. Automatisiertes Fahren ist allein mit den On-Board-Sensoren sicher. Aber mit der Konnektivität wird es viel komfortabler und anwendbarer für mehr Verkehrssituationen. Ein Beispiel: Wenn es ein Hindernis auf der Straße gibt, kann ein automatisiertes Auto ohne Konnektivität eine Notbremsung durchführen, die sicher für den Fahrer ist. Aber wenn das Auto vernetzt ist, kennt es den Weg um das Hindernis im Voraus, so dass Bremsen nicht einmal notwendig wird.

 

 

Im zweiten Teil unseres Technologiegesprächs erklären die Experten, vor welchen Herausforderungen die Branche steht, um sicherzustellen, dass automatisierte Autos sicher fahren.

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