Big Data: Der Treibstoff, der Innovationen antreibt (Foto: Continental)

Daten als Zahlungsmittel? Ein Interview mit dem Start-up-Unternehmen Otonomo

Technologie und Unternehmen

Angelo Rychel

Angelo Rychel

26.04.2018

       

Werden Verbraucher zukünftig mit ihren Daten bezahlen, um Fahrzeugkosten zu senken? Ben Volkow, CEO des schnell wachsenden Start-ups Otonomo, erklärt in einem Exklusivinterview, welche neuen Geschäftsmodelle sich aus dem vernetzten Fahren ergeben und wie sich der jüngste Facebook-Skandal auf dieses Geschäft auswirkt.

Ben Volkow ist ein Mann mit Ambitionen. "Es gibt eine einfache Regel, die für alle Märkte gilt – einer schnappt sich 80 Prozent, und die Übrigen müssen mit 20 Prozent Vorlieb nehmen", sagte er einmal zu Bloomberg. "Um zu diesem einen zu werden gibt es einen Weg: man bringt so viele Autos wie möglich auf seine Plattform und wird dadurch dominant." Volkow ist CEO und Mitbegründer von Otonomo, einem israelischen Start-up-Unternehmen, das sich auf die Erfassung und den Verkauf von Fahrzeugdaten spezialisiert hat. Im Interview zeigt Volkow zwar großes Vertrauen in die Geschäftsperspektiven von Otonomo – er spricht aber auch über die Notwendigkeit einer strengeren Regulierung.

 

 

2025AD: Wie ist die Idee für Otonomo entstanden?

 

Ben Volkow: Ich habe zunächst das UnternehmenTraffix gegründet das an F5 Networks verkauft wurde. Als ich bei F5 ein großes Datenteam leitete, hatten wir eine Anfrage von BMW, beim Aufbau einer Datenbank mit Fahrzeugdaten zu helfen. Ich befand mich plötzlich inmitten faszinierender Diskussionen über alle möglichen Pläne für vernetzte Autos. Mir wurde klar, dass es notwendig sein würde, einen besseren Überblick über all die Daten zu bekommen und dass ein Zugang notwendig wäre, über den viele Anwendungen auf diese Daten zugreifen könnten. So wurde ich inspiriert, meinen Job aufzugeben und Otonomo zu gründen.

 

 

2025AD: Was ist Ihre Vision, die Sie mit dem Unternehmen verfolgen?

 

Volkow: Als ich mich tiefer mit dem Thema auseinandersetzte, wurde mir klar, dass die Mittelkonsole das nächste große Endgerät werden wird. Das Auto, das wir fahren, ist eine Erweiterung unserer selbst – es ist sehr intim. Immer mehr vernetzte Autos kommen auf die Straße – Gartner schätzt eine Viertelmilliarde bis 2020. Diese Autos gespickt mit Sensoren, die bis zu 25 GB Daten pro Stunde erzeugen. Und autonome Fahrzeuge produzieren noch viel mehr: 4.000 GB pro Tag! Big Data sind praktisch der Treibstoff, der die Innovation in diesen Systemen antreibt. Diese Datenmengen stellen eine große Chance dar, aber die Herausforderung besteht darin, wie OEMs und das wachsende Umfeld von Dienstleistern diese Daten nutzen können, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Otonomos Mission ist es, die Fahrzeugdaten für Fahrer, Fahrgäste und das gesamte Verkehrsökosystem so wertvoll wie möglich zu gestalten. Unsere Vision ist es, Daten zu nutzen, um jedes Fahrerlebnis wirklich lohnend zu gestalten.

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Ben Volkow, CEO von Otonomo (Foto: Otonomo)

2025AD: Sie versprechen, das Fahrerlebnis "sicherer, intelligenter und komfortabler" zu machen. Wie das?

 

Volkow: Otonomo strebt danach, den maximalen Wert aus vernetzten Autos und autonomen Fahrzeugen herauszuholen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Kurzfristig wollen wir damit beispielsweise vorausschauende Wartung verbessern oder den Komfort erhöhen, indem wir helfen, freie Parkplätze in einer belebten Stadt zu identifizieren. Wenn Sie mit dem Auto unterwegs sind, erhalten Sie möglicherweise Informationen über Ihre optimale Route, Ihre Lieblingsrestaurants in der Region oder die besten Orte zum Tanken. Wir möchten, dass die Mittelkonsole so benutzerfreundlich und "anziehend" ist wie ein Smartphone-Bildschirm – idealerweise sollte es während der Fahrt in einem vernetzten Auto keinen Grund geben, auf Ihr Smartphone zu blicken – und das ist ein weiterer Sicherheitsaspekt. Der vielleicht wichtigste Anwendungsfall stellen die Rettungsdienste dar. Das vernetzte Fahrzeug mit automatischer Crash-Erkennung kann Ersthelfern kritische Informationen liefern, einschließlich der Stärke des Aufpralls, wie viele Personen sich im Fahrzeug befinden, ob sie Sicherheitsgurte angelegt haben, ob das Fahrzeug umgekippt ist und wenn ja, wie oft. All dies kann die Reaktionszeit und die Notfallmaßnahmen verbessern. Bei einem Unfall zählt jede Sekunde, und Otonomo hilft, diese Daten sofort verfügbar zu machen: Wenn mehr Informationen in das Ökosystem einfließen, verbessert dies die Unfallvermeidungslösungen. Oder autonome Fahrzeuge vernetzen sich und optimieren ihre Fahrwege, um beispielsweise Staus zu vermeiden. Was wir wollen, ist einen Punkt zu erreichen, an dem ein Entwickler, was immer er sich vorstellen kann, mit Otonomo auch entwickeln kann.

 

 

2025AD: Können Sie beschreiben, wie die Daten erhoben und verarbeitet werden? Auf welche Daten kann Otonomo zurückgreifen?

 

Volkow: Jedes Fahrzeug protokolliert seine Daten auf unterschiedliche Weise; Otonomo nimmt Fahrzeugdaten aus verschiedenen Quellen und Prozessen auf, normalisiert und bereichert sie, um die Anforderungen an Datenschutz und Compliance zu erfüllen und ihren Wert zu maximieren. Die Otonomo-Plattform wurde von Grund auf für die Verarbeitung von Fahrzeugdaten entwickelt und erfüllt die Kernanforderungen wie Datenanonymisierung und -normalisierung, Sicherheit, Marktmanagement, Buchhaltung, Abrechnung, Datenschutz, Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und vieles mehr. Wir betrachten Otonomo als „Rosetta Stone“ (Anm. d. Red.: amerikanisches Sprachlernsoftware-Unternehmen) der Fahrzeugdaten; wir arbeiten daran, die Daten von jedem Sensor in jedem Fahrzeug zu standardisieren.

 

 

2025AD: Wer sind Ihre Kunden? Können Sie einige Anwendungsfälle nennen, die sie für Ihren Service haben?

 

Volkow: Otonomo hat ein vielfältiges Ökosystem von über 75 Partnern aufgebaut, die Dienstleistungen wie vorbeugende Fahrzeugwartung, öffentliche Sicherheit, Parken/Kartieren und andere Anwendungsfälle anbieten. Otonomo hat mehrere Anwendungsfälle auf dem Markt beobachtet, die alle einen äußerst positiven Einfluss auf unser Leben haben werden. Vorbeugende Wartung kann Fahrern und Flottenmanagern helfen. Smart Citys können aus unseren Daten lernen, wo Schlaglöcher repariert werden müssen, wo der Verkehr überlastet ist oder um Emissionen zu reduzieren. Lokale Unternehmen können personalisierte Empfehlungen für den Aufbau von Beziehungen zu Verbrauchern abgeben. Schließlich kann maschinelles Lernen sogar autonome Fahrzeuge trainieren, sicherer und effizienter zu funktionieren.

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Kann vernetzte Mobilität den urbanen Stillstand verhindern? (Foto: iStock / Wenjie Dong)

2025AD: Welche neuen Geschäftsmodelle und Optionen werden sich für die Verbraucher ergeben, wenn die meisten Autos auf der Straße vernetzt werden?

 

Volkow: Da vernetzte Autos in den kommenden Jahren die vorherrschende Form von Fahrzeugen auf der Straße und in Flotten werden, entsteht ein neuer Markt für Fahrzeugdaten und -erkenntnisse. Gleichzeitig entwickeln die Verbraucher ein neues Bewusstsein für den Wert ihrer Daten und wie diese bestmöglich genutzt werden können. Automobilhersteller und Datenlieferanten bekommen einen bequemen Weg, um die von ihnen gesammelten Daten in nützliche Dienste umzuwandeln, einschließlich verbesserter Fahrer- und Mitfahrererfahrungen, Mehrwertdienste zur Differenzierung von Angeboten, datengesteuerte Entscheidungen zur Verbesserung von Kernprodukten und neue und wiederkehrende Umsatzquellen. Mit den Skalierungs- und Datenbewertungsdienstleistungen von Otonomo können Datenanbieter die höchstmöglichen Einnahmen realisieren.

 

 

2025AD: Wie wird der Trend zu autonomen Fahrten und gemeinsamer Mobilität Ihr Unternehmen beeinflussen?

 

Volkow: Autonomes Fahren ist ein sehr spannender Trend; es fühlt sich sicherlich an wie der größte technologische Paradigmenwechsel, vergleichbar mit dem Aufkommen von Smartphones in den letzten zehn Jahren oder die weite Verbreitung des Internets in den 90er-Jahren. Autonome Fahrzeuge werden dazu dienen, unsere Branche voranzutreiben; sobald wir in eine Welt eintreten, in der wir uns während der Fahrt nicht mehr auf das Fahren konzentrieren müssen, wird die Mittelkonsole wichtiger denn je. Die Automobilhersteller werden hart daran arbeiten, die Verbraucher während autonomer Fahrten mit der Mittelkonsole in Kontakt zu halten; der Wert der Daten wird in der Optimierung dieser Erfahrungen liegen. Unser Unternehmen wird sich mit dieser Innovation weiterentwickeln und neue Wege finden, um Fahrzeugdaten zum Nutzen der Fahrer und des Verkehrsökosystems zu nutzen.

 

 

2025AD: Viele Experten glauben, dass Mobilität für zukünftige Kunden deutlich billiger werden könnte, wenn sie bereit sind, mit ihren Daten zu bezahlen, um gezielte Werbung zu ermöglichen. Wie stehen Sie dazu?

 

Volkow: Sicherlich werden Fahrer Möglichkeiten haben, mehr Wert aus ihren Daten zu schöpfen, sowohl finanziell als auch anderweitig. Dazu könnten ein sichereres, komfortableres On-Road-Erlebnis oder personalisierte Dienste gehören, die auch während der Fahrt zugänglich sind, und letztendlich kann dies sogar zu niedrigeren Fahrzeugbetriebskosten führen. Allerdings wird dieses Modell nur mit Zustimmung des Fahrers funktionieren, von dem wir wissen, wie er gemanaged und unterstützt werden will.

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Wird eine verbesserte Konnektivität zu mehr Verkehrssicherheit führen? (Foto: iStock / ollo)

2025AD: Der jüngste Facebook-Datenskandal hat die öffentliche Debatte zum Thema Datenschutz angeheizt. Haben die Fahrzeugnutzer die volle Kontrolle über die Verwendung ihrer personenbezogenen Daten? Ist der Opt-in-Prozess transparent genug?

 

Volkow: Die Gegenreaktion auf Facebook zeigt, dass selbst, wenn ein Unternehmen transparent macht, wie es seine Daten verwendet, die Fahrer unzufrieden sein werden, wenn ihre Daten für widerwärtige Zwecke verwendet werden. Deshalb konzentriert sich Otonomo so sehr darauf, mit diesen Daten "Gutes zu tun". Es liegt im höchsten Interesse der Fahrer, ihre Daten auszutauschen, denn sie tragen zur allgemeinen öffentlichen Sicherheit bei, erzeugen Wirtschaftswachstum und bauen die nächste Generation von Dienstleistungen für mehr Komfort und Wert auf. Aber dies muss als Verbündeter des Fahrers angegangen werden, mit einem Verständnis für die Bedeutung von Privatsphäre, Zustimmung und unseren individuellen Rechten.

 

 

2025AD: Wie gewährleistet Otonomo den Datenschutz der Fahrzeugnutzer? Wie sichern Sie die Daten gegen kriminellen Missbrauch, z. B. Hacken?

 

Volkow: Die Otonomo-Plattform verfolgt einen Privacy-by-Design-Ansatz, um sowohl Verbraucher- als auch Geschäftsinteressen zu schützen, mit detaillierter Kontrolle darüber, welche Daten anonym oder in Verbindung mit einem Fahrzeug weitergegeben werden. Wir verpflichten uns zur Sicherheit, zum Datenschutz und zum Nutzen der Daten, mit denen wir arbeiten. Durch die proaktive Unterstützung der Fahrerrechte macht Otonomo die Daten, die es besitzt, nutzbarer - und damit wertvoller für sie. Wir haben auch eine Schnittstelle entwickelt, über die Fahrer steuern können, welche Anwendungen und Dienste ihre Daten verwenden können, und bei jeder personalisierten Anwendung oder Dienstleistung muss sich der Fahrer anmelden.

 

 

2025AD: Schränkt der strengere europäische Rechtsrahmen Ihr Geschäftsmodell ein? Hoffen Sie auf Reformen?

 

Volkow: Im Gegenteil, GDPR ist für uns eine große Chance, zum Schutz der Fahrer und ihrer Daten beizutragen. Die Regulierung des explosionsartigen Wachstums von vernetzten Autos und autonomen Autos könnte dazu beitragen, sie zu standardisieren. Regulierung ist eine Anerkennung dafür, dass unsere Branche unsere Welt verändert. Alle diese Regeln werden dazu beitragen, dass OEMs die von ihnen erstellten Daten kommerzialisieren – die Regulierung schafft eine Grundlage, auf der wir aufbauen können. Otonomo erschließt das Potenzial von Fahrzeugdaten, um die Straße für eine hellere und sicherere Zukunft zu ebnen.

 

 

ÜBER UNSEREN EXPERTEN:

Als Gründer und CEO von drei erfolgreichen Unternehmen verfügt Ben Volkow über einen umfangreichen Leistungnachweis und eine reiche unternehmerische Erfahrung. Vor der Gründung von Otonomo im Jahr 2015 war Volkow vier Jahre lang als Business Unit General Manager bei F5 Networks (NASDAQ:FFIV) tätig, zu dem er nach der Übernahme von Traffix kam, wo er Mitbegründer und CEO war. Als Gründer und CEO von Traffix hat Volkow ein globales Geschäft im Wert von mehreren Millionen Dollar aufgebaut und mit Partnern und Tier-1-Dienstleistern auf der ganzen Welt zusammengearbeitet. Vor der Gründung von Traffix leitete Volkow die R&D-Gruppen in Sendo (UK), die fortschrittliche mobile Datenlösungen anboten. Vor Sendo war er in verschiedenen Funktionen bei Panasonic Mobile Communications (UK) tätig, wo er unter anderem die ersten Produkte für den europäischen Markt entwickelte. Volkow war auch Mitbegründer des VC-unterstützten Sedona Networks, einem Anbieter von fortschrittlichen Netzwerklösungen.

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