Ein rollendes Heimkino - der Rinspeed XchangE (Foto: Rinspeed)

Das autonome Auto als Lebensraum

Privatleben und Mobilität

Angelo Rychel

Angelo Rychel

12.01.2016

       

„Gestalte den Innenraum eines selbstfahrenden Autos!“ - Eine traumhafte Aufgabe für jeden Designer. Denn mit der neuen Technologie ist fast alles möglich - sogar Whirlpools im Auto. Höchste Zeit also für einen Blick in die Autos der Zukunft...

Kein Automodell ist wie das andere. Es gibt Vans, Limousinen, Cabriolets oder SUVs, um nur einige zu nennen. Die Autodesigns unterscheiden sich je nach Preisklasse und haben sich im Laufe der Jahre natürlich stark verändert.

 

Betrachtet man jedoch das Gesamtbild, so sind die Innenräume der Autos bemerkenswert ähnlich geblieben. Aufgrund der Art des Fahrens, wie wir es kennen, haben sie alle die gleichen bestimmten Merkmale: Sie verfügen über nach vorne gerichtete Sitze, Sicherheitsgurte, ein Lenkrad, Gas- und Bremspedale. Wie ein Auto auszusehen hat, wird durch diese unveränderbaren Merkmale also etwas eingeschränkt.

 

Stellen Sie sich vor, wie ein Auto gestaltet werden könnte, wenn all diese Pflichtfunktionen überflüssig würden!

 

Autonomes Fahren wird das Aussehen und die Haptik unserer Fahrzeuge radikal verändern. Es wird die Autofahrt wesentlich komfortabler machen. Sobald die Menschen nicht mehr steuern müssen, gewinnen sie Zeit für andere Aktivitäten: Arbeiten, Filme schauen oder ein Nickerchen machen. Das Auto wird zum Lebensraum - und das spiegelt sich auch im Innenraum wider.

 

Das autonome Konzeptauto "Etos" wird mit individuell einstellbaren Breitbildschirmen geliefert. (Foto: Rinspeed)

Die Einführung des Autobahn-Chauffeurs wird ein erster Meilenstein in dieser Entwicklung sein. Es wird erwartet, dass diese automatisierte Fahrfunktion bis 2020 auf den Markt kommt. Auf der Autobahn können die Fahrer dann die Kontrolle an das Fahrzeug übergeben und so ihre Zeit besser nutzen. In ferner Zukunft funktionieren Autos auch im Stadtverkehr völlig autonom. "Sobald Menschen die Hände vom Lenkrad nehmen dürfen, ist alles möglich", sagt Frank M. Rinderknecht, Gründer und CEO des visionären Schweizer Automobilherstellers Rinspeed.

 

An das Auto der Zukunft zu denken, ist das Tagesgeschäft von Rinderknecht. Sein Innovationslabor hat mehrere Konzeptautos veröffentlicht, die erahnen lassen, wie autonome Fahrzeuge eines Tages aussehen könnten. Da wäre zum Beispiel das Konzeptauto "XchangE" 2014 - ein umgebautes Tesla Modell S (siehe Hauptbild oben). Die Autositze verfügen über mehr als zwanzig mögliche Sitzpositionen für eine entspannte Fahrt - einschließlich einer Position, die es den Fahrgästen ermöglicht, dem Verkehr buchstäblich den Rücken zu kehren. Sie schauen nach hinten, wo ein 32-Zoll-Bildschirm das Fahrzeug in ein Heimkino verwandelt.

 

Das neue autonome Konzeptfahrzeug "Etos" von Rinspeed, das gerade auf der CES 2016 in Las Vegas Premiere feierte, verfügt über zwei gebogene Breitbildmonitore, die die Fahrgäste individuell einstellen können. "Viele Aktivitäten in einem autonomen Auto werden Bildschirme beinhalten, um Auto-Unterhaltungsangebote zu ermöglichen", sagt Rinderknecht.

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Das autonome Konzeptauto "Etos" wird mit individuell einstellbaren Breitbildschirmen geliefert. (Foto: Rinspeed)

 

Dies zeigt sich auch im Mercedes F015, einem bahnbrechenden Forschungsfahrzeug, das der deutsche Autobauer 2015 auf den Markt brachte. Das autonome Auto ist vom Konzept eines "digitalen Lebensraums" inspiriert.  Wohin man auch schaut, die Augen treffen auf einen Bildschirm: Sie sind in das Cockpit, die Türen und das Heck des Autos integriert und versorgen die Fahrgäste mit Informations-, Unterhaltungs- und Kommunikationskanälen. Die Insassen bedienen sie intuitiv über Eyetracking und Gestensteuerung.

 

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Als "digitaler Lebensraum" konzipiert: der Mercedes F015. (Foto: Daimler)

Mit vier eleganten Lounge-Sesseln und viel Platz erinnert der F015 eher an eine Hotel-Lobby als an ein Auto. Sobald der Fahrgast in den " autonomen Modus " wechselt, fährt das Lenkrad vollständig in das Armaturenbrett ein und die Stühle in der ersten Reihe werden drehbar. Jetzt ist es möglich, sich umzudrehen und den Fahrgästen auf der Rückbank zuzuwenden – wie bei einer Zugfahrt.

 

Trotz dieses futuristischen Ansatzes können Sie Ihren Stuhl jederzeit zurückdrehen und wieder die Kontrolle über das Fahrzeug übernehmen. Mercedes lässt bewusst konventionelles Fahren zu - auch im autonomen Konzeptfahrzeug. "Es wird nie einen Mercedes ohne Lenkrad geben", erklärte Mercedes-Chef Thomas Weber dazu.

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Der Volvo C26 ermöglicht es Ihnen, ein Buch zu lesen - oder sogar ein Nickerchen zu machen. (Foto: Volvo)

Dem Kunden die Wahl zwischen autonomem und manuellem Modus zu geben, scheint in der traditionellen Automobilindustrie ein Konsens zu sein. Sowohl Nissan mit seinem IDS-Konzept als auch Volvo mit dem Concept 26 gehen einen ähnlichen Weg. "Man sollte fahren dürfen, wann man will, und das Fahrzeug fahren lassen können, wann man will", lautet die Botschaft von Volvo. Wechselt der Benutzer vom Modus "Drive" in den Modus "Create", bewegt sich der Sitz im Concept 26 nach hinten, ein Tisch schiebt sich aus der Fahrertür und ein Tablet taucht aus dem Dashboard auf. Sie können Ihre E-Mails abrufen, einkaufen oder im Internet surfen - Ihr Auto erledigt die ganze Arbeit. Wenn Sie weiter in den "Relax"-Modus wechseln, klappt der Sitz vollständig nach hinten. Volvo ermutigt Sie, "einen Moment der stillen Besinnung zu genießen" - aber Sie können auch einfach ein Nickerchen machen.

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Das Nissan IDS fährt selbst - wenn Sie es wünschen. (Foto: Nissan)

Frank M. Rinderknecht erwartet "eine sehr lange Phase des Zusammenlebens zwischen konventionellen und selbstfahrenden Autos".  Aber sobald sich autonome Fahrzeuge auf unseren Straßen etabliert haben, prognostiziert er noch radikalere Veränderungen im Fahrzeugdesign: "Wir werden uns von allem, was wir heute kennen, lösen." Da die Unfallwahrscheinlichkeit immer geringer wird, könnten Sicherheitsgurte und Airbags überflüssig werden. Wie Googles autonomes Auto könnten immer mehr Modelle auf Pedale und Lenkräder verzichten, um den verfügbaren Platz optimal zu nutzen.

Natürlich wird sich auch die Form eines Fahrzeugs ändern. "Alles, was das Fahrzeug physisch auf der Straße hält, ist möglich", sagt Rinderknecht.  Die Form, das Design folgt dabei den jeweils benötigten Anforderungen. Geschäftsleute würden sich wahrscheinlich über ein rollendes Büro freuen. "Warum bauen wir also nicht ein Auto in Form eines Bürocontainers?", so Rinderkneckt. Andere Autos könnten die Form eines Eis oder einer Kugel annehmen.

 

In der Vision von Rinderknecht wird der tatsächliche Besitz eines Autos der Vergangenheit angehören. "Die Mobilität auf Abruf wird dominieren. Du wirst immer in der Lage sein, dir das Auto zu beschaffen, das deinen momentanen Bedürfnissen entspricht." Das beinhaltet viele Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten. Es werden völlig neue Geschäftsmodelle entstehen: "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", sagt Rinderknecht. "Wenn es einen Markt für Autos mit Jacuzzis gibt, wird sie jemand bauen."
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Die Zukunft im Blick: Das autonome Konzept "Budii" von Rinspeed (Foto: Rinspeed)

All diese Entwicklungen könnten zu einer Verlangsamung des Alltags führen, prognostiziert Rinderknecht. "Heute möchte ich meine Ziele so schnell wie möglich erreichen, damit ich mit der Arbeit oder dem Entspannen beginnen kann. In Zukunft wird es keine Rolle mehr spielen, wenn ich mal zehn Minuten länger brauche. Ich hoffe, das wird die Hektik unseres Alltags bremsen."

 

Über unseren Experten:

Frank M. Rinderknecht ist Gründer und CEO des Schweizer Automobilherstellers und Innovationslabors Rinspeed. Das Unternehmen ist bekannt für die Entwicklung visionärer Konzeptfahrzeuge, zu denen mehrere autonome Fahrzeuge gehören. Auf der CES 2016 stellte Rinderknecht beispielsweise das selbstfahrende Konzeptfahrzeug „Etos“ vor.

 

Ein Fahrzeug mit Jacuzzi? Ein Auto für Bandproben? Was für ein individuell gestaltetes autonomes Fahrzeug wünschen Sie sich?

 

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