Die „Freiheit der Person“ wurde noch nie mit einem Recht auf räumliche Mobilität verbunden – das sollte sich ändern. (Foto: Adobe Stock / Tomasz Zajda)

Bedingungsloses Grundeinkommen war gestern. Wir brauchen die bedingungslose Grundmobilität.

Privatleben und Mobilität

Alex Roy

Alex Roy

5.09.2018

       

Wir sollten einzelne Verkehrsmittel wie selbstfahrende Autos, Roller, E-Bikes, Busse oder Züge nicht isoliert sondern als System betrachten, argumentiert Rennfahrer, Blogger und Investor Alex Roy in seinem neuen Kolumnenbeitrag.

 

Als Gründer der Human Driving Association (HDA) machen die Menschen oft eine Reihe von Annahmen über mich. Es wird allgemein angenommen, dass ich gegen autonomes Fahren bin, dass Mobilität gleich Privatfahrzeuge bedeute, dass ich scharf auf das vergebliche Geschimpfe aller Ludditen sei und dass die HDA genauso unverrückbar zu Lenkrädern stehe wie die National Rifle Association zu Waffen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Binäres Denken ist Sklaverei. Die HDA hat sich nicht auf die Fahnen geschrieben, menschliches Fahren auf Kosten von Alternativen zu bevorzugen, sondern es innerhalb eines Mobilitäts-Ökosystems schützen, das darauf optimiert ist, Menschen so effizient wie möglich von A nach B zu bringen – mit welchen Mitteln auch immer.

 

Dass Befürworter autonomen Fahrens davon ausgehen, dass die HDA ihr Feind ist, ist eine Folge einseitigen Kurzsichtigkeit: Technologie der Technologie willen. Mit anderen Worten, Technologie auf Kosten des logischen und unvermeidlichen Gleichgewichts zwischen unzähligen Verkehrsmitteln, von denen einige nicht vollständig automatisiert werden können und andere nicht automatisiert werden sollten.

 

Wenn die Definition von Mobilität die Fähigkeit ist, sich frei und einfach zu bewegen oder bewegt zu werden, dann wird sich ein Zustand reiner Mobilität nie manifestieren, wenn wir nicht aufhören, einzelne Verkehrsmittel wie selbstfahrende Autos, Roller, E-Bikes, Busse, Autos oder Züge isoliert zu betrachten. Wir sollten auch die politischen Entscheidungsträger davon abhalten, Gewinner und Verlierer unter den Innovatoren auszuwählen, bis diese nicht gereift sind.

 

Keine einzige Lösung ist global, und auch einzelne Kombinationen verschiedener Lösungen werden nicht überall funktionieren. Mobilität ist lokal, und die Geschichte legt nahe, dass nur der freie Markt – innerhalb der Grenzen der lokalen Kultur und Infrastruktur – es der Mobilität ermöglichen wird, ihr modales Gleichgewicht zu erreichen. Da jedoch private Unternehmen versuchen, das Versagen überlasteter und unterfinanzierter öffentlicher Verkehrssysteme zu beheben, laufen wir Gefahr, die Mobilität für einige zu verbessern und gleichzeitig die Bewegungsfreiheit stillschweigend einzuschränken und die Ungleichheit für andere zu verstärken. Das modale Gleichgewicht eines geografisch eingegrenztes Netzwerk in Privatbesitz ist nicht unbedingt die beste Option für eine Gemeinschaft von Menschen, von denen viele außerhalb dieser Grenzen leben.

 

Es gibt nur eine Lösung: Bedingungslose Grundmobilität.

 

 

Der Ursprung der Bedingungslosen Grundmobilität

Die bedingungslose Grundmobilität ist inspiriert vom bedingungslosen Grundeinkommen, das seit langem als Lösung für eine Vielzahl von gesellschaftlichen Missständen diskutiert wird. Seit der industriellen Revolution wird befürchtet, dass durch die Automatisierung eine Unterschicht strukturell Arbeitsloser entsteht. Mit dem Aufstieg von Autonomie und KI könnten diese Ängste Realität werden.

 

Da bin ich mir nicht so sicher. Die Automatisierung hat traditionell so viele Arbeitsplätze geschaffen wie zerstört. Die Zukunft hängt davon ab, ob die Automatisierung so viele Arbeitsplätze schafft, wie sie das autonome Fahren zerstört. So lange oder bis der Tag, an dem sich die Annahmen der Pessimisten als richtig erweisen, nicht eintritt, wird das bedingungslose Grundeinkommen zumindest in den Vereinigten Staaten ein Wunschtraum bleiben. Denn dort stößt die Idee einer landesweiten sozialen Sicherheit, die ausreicht, eine angemessene Lebensqualität zu gewährleisten, wahrscheinlich auf eine unüberwindliche politische Opposition.

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Öffentliche Verkehrsmittel: in vielen Städten keine Option. (Foto: Adobe Stock / jovannig)

Weit bevor Automatisierung/KI strukturelle Arbeitslosigkeit auslöst – was das bedingungslose Grundeinkommen verhindern könnte – stehen wir vor einem Mobilitätsproblem, das durch das bedingungslose Grundeinkommen nicht gelöst werden kann.

 

Mobilität ist nicht nur die Möglichkeit, sich frei und unkompliziert zu bewegen oder bewegt zu werden. Es ist die Methode, mit der sich die Bewegungsfreiheit – ein in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankertes Konzept – in der realen Welt manifestiert. Die Verfasser der US-Verfassung hielten die Bewegungsfreiheit für ein so grundlegendes Recht, dass es nicht einmal ausdrücklich festgelegt wurde.

 

Die Bewegungsfreiheit wurde noch nie mit einem Recht auf Mobilität verbunden. Regierungen bauten Infrastrukturen, aber man musste immer noch sein eigenes Pferd oder Auto kaufen. Mit zunehmender Bevölkerungsdichte und zunehmendem Verkehrsaufkommen investieren moderne Staaten in mehr Straßen, mehr Wagen, mehr Busse und mehr Züge und schaffen einen informellen Mobilitätspakt zwischen Regierungen und ihren Bürgern – wir werden Mittel bereitstellen, um Sie effizienter zu befördern, als Sie es selbst tun können.

 

Leider bewegen sich die Menschen und wachsen die Städte schneller, als die Regierungen bauen können, und so lösen die Menschen die Transportbedürfnisse nach eigenem Ermessen. Folglich werden die ältesten Städte in den Vereinigten Staaten von miteinander konkurrierenden öffentlichen Verkehrsmitteln dominiert, und die neuesten ersticken an den Autos, um die herum sie gewachsen sind.

 

 

Die Mobilitätsunterklasse und die strukturelle Immobilität

Die Unterklasse, die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens unterstützen wollen, existiert bereits, und sie wächst immer weiter. Es ist das Yin zum Yang derjenigen, die trotz Arbeit arm sind und die in ihren Autos oder Wohnmobilen leben. Die Bewegungsfreiheit ist überall dort eingeschränkt, wo der Mobilitätspakt zwischen Regierung und Bürgern belastet ist oder gebrochen wird. Wir sehen diese „Mobilitätsunterklasse“ in den Wüsten des öffentlichen Transportsystems zahlreicher Städte und deren Einzugsgebiet. Die Mobilitätsunterklasse hat wenig Möglichkeiten; wer sich ein Auto leisten kann, trägt zu breiteren Verkehrs- und Infrastrukturproblemen bei. Wer nicht, wird oft dazu gezwungen, unregulierte privat-gemeinschaftliche Angebote zu nutzen, die unter dem Radar selbst der größten und ambitioniertesten Verkehrsnetzwerk-Start-ups laufen.

 

Ein Elternteil, das vier Stunden am Tag mit Pendeln verbringt, bedeutet für ein Kind der Entzug wichtiger Zeit mit seinen Eltern; ist ein Arbeiter, der zu müde ist, um effektiv sein zu können; ist ein Mensch ohne Stillstand.

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Neue Mobilitätslösungen kommen auf den Markt. (Foto: Uber)

Eine wachsender Teil der „Mobilitätsunterklasse“ fällt in die „strukturelle Immobilität“ – jenen Zustand, in dem die ungenügende Mobilität die Möglichkeiten einschränkt, eine Arbeit aufzunehmen oder gar zu behalten, den Zugang zur Grundversorgung zu erhalten, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten oder gar eine angemessene Lebensqualität aufrecht zu erhalten. Die Kluft zwischen Bewegungsfreiheit und erschwinglichen Mobilitätsangeboten erschafft ein sich selbst erhaltendes System, das wirtschaftlichen, sozialen und emotionalen Schaden verursacht und der Gesellschaft unzählige produktive Bürger entzieht.

 

Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann die gesellschaftlichen Kosten der strukturellen Immobilität nicht angehen, aber die bedingungslose Grundmobilität könnte dies. Was bringt der Grundeinkommens-Scheck, wenn der Empfänger immobil ist oder in seinem Zugang zu Arbeitsplätzen und Dienstleistungen eingeschränkt ist? Immobilität erzeugt großen kulturellen Schaden und führt zu einer Mobilitätsunterklasse, die – ähnlich wie in der Serie „Black Mirror“ – sozialer Armut, beruflicher Isolation und Depression ausgeliefert ist.

 

Das traditionelle und unvollkommene Zusammenspiel von Verkehrsmitteln und privaten Fahrzeugen funktioniert nicht mehr, wenn es überhaupt jemals funktioniert hat. Gerade in die daraus erwachsende Lücke stoßen neue Mobilitätsdienstleister wie Uber. Da Städte es privaten Mobilitätsanbietern erlauben, Lücken im Mobilitätskontinuum auszufüllen, ist es wichtig, dass die verbleibenden Optionen für die Mobilitätsunterklasse nicht schwinden.

 

 

Formen der Bedingungslosen Grundmobilität

Eine unbewegliche Gesellschaft stirbt Millionen Tode. Eine mobile Gesellschaft ist gesund, glücklich und produktiv. Die Gesellschaft muss ein Mindestmaß an Zugängen zu erschwinglichen Verkehrsmitteln gewährleisten. Nicht als Wohltätigkeit, sondern als Investition. Die bedingungslose Grundmobilität überwindet die traditionellen links-rechts Erzählweisen, weil es sich dabei um eine einzigartige Investition in wirtschaftliche Produktivität und soziale Gerechtigkeit handelt.

 

Aber was ist die optimale Form der bedingungslosen Grundmobilität?

 

Als ich bedingungslose Grundmobilität („Universal Basic Mobility“) googelte, fand ich nur drei Werke:

 

  1. Basic Universal Mobility; A Manifesto (Dr. Anna Newberry) – eine wunderbare Antwort in Form eines eigenen Manifests auf mein Human Driving Manifest.

 

  1. Universal Basic Mobility (Tim McGuckin) – in dem der Autor annimmt, dass die KI die bedingungslose Grundmobilität erzwingt, und dass eine Mobilitätssubvention, ähnlich einer Wohnbauförderung, so lange verfügbar sein sollte, bis man sie nicht mehr benötigt. Tim ist eine wichtige, wenn auch einzelne Stimme der Weisheit im Transportsektor. Jeder sollte ihm folgen.

 

  1. Flämische Verkehrsbehörde (Ingrid Lieten) – in diesem Bericht aus dem Jahr 2006 sagte ein Offizieller aus dem Verkehrssektor, dass „... in Kommunen mit nur einfachem Mobilitätsangebot die Bürger das unveräußerliche Recht haben sollten, ein Taxi zu rufen und die Taxirechnung an den öffentlichen Transportunternehmer De Lijn weiterzuleiten, wenn dieser keine regelmäßigen öffentlichen Transportlösungen oder zumindest eine grundlegende Form des öffentlichen Personenverkehrs auf Anfrage anbietet".

 

Diese wenigen Zitate zeigen, wie viele Diskussionen noch notwendig sind, damit sich die bedingungslose Grundmobilität politisch manifestieren kann.

 

Wo sollen wir anfangen?

 

Die bedingungslose Grundmobilität in Form von Bargeld zu ermöglichen, ist allerdings lediglich wie ein bedingungsloses Grundeinkommen unter anderem Namen. Eine „Mobilitätsgrundlage“, die dem Mindestlohn ähnelt? Eine vorübergehende Subvention/Steuergutschrift, die für Transportgebühren einlösbar ist? Vielleicht. Natürlich können wir keine Autos, Roller und Fahrräder verteilen. Die Leute könnten sie für andere Produkte verkaufen. Die Belgier ließen die Bürger der Gemeinde die Taxifahrt in Rechnung stellen, wenn die Busse nicht fuhren. Versuchen Sie das mal in Brooklyn. Mehr Infrastruktur? Aber welcher Art? Alle Mobilität ist lokal. Es gibt kein Allheilmittel.

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Wo fangen wir an? Mit Fahrrädern? (Foto: Springen)

Oder ist die beste Lösung vielleicht eine Art Leeloo-Dallas-Multipass (aus dem Film „Das fünfte Element“), der mit jeder „Mobilitäts-Dienstleistung“ der Welt kompatibel ist – und man lässt es den freien Markt über einen „Mobilitäts-Handelsplatz" ausfechten?

 

Auf politischer Ebene müssen öffentliche Zuschüsse für unterversorgte Strecken auf neue Mobilitätslösungen umgelenkt werden, um sie zu ersetzen. Vorschriften dürfen Innovationen nicht behindern, die denen dienen könnten, die der öffentliche Nahverkehr vernachlässigt hat. Wenn private Fahrzeuge die einzige Option bleiben, müssen sich die Fahrer die Nutzung trotzdem leisten können. Keine Form der Mobilität darf verboten werden – es sei denn, es können Ersatzoptionen garantiert werden, sei es durch öffentliche oder private Alternativen – und dann auch nur für eine bestimmte Zeit und in bestimmten Gebieten.

 

So wie Mobilitätslösungen nicht gedeihen können, wenn sie schon in den Kinderschuhen reguliert werden, muss die Form der bedingungslosen Grundmobilität von einer offenen Diskussion bestimmt werden und in einem Rahmen stattfinden, der von einem öffentlich-privaten Konsens gesetzt wird. Top-down-Denken – auch in guter Absicht – wird zu mehr Mobilitätsdiskriminierung führen, nicht zu weniger.

 

 

Mobilität der Freiheit Willen

Eine gesunde Wirtschaft und Gesellschaft erfordern nicht nur Freizügigkeit und Zugang zu Mobilität, sondern auch Bewegungsfreiheit der Bewegungsfreiheit willen. Physische Interaktion und Entdeckung haben mehr sozialen, wirtschaftlichen, pädagogischen, kulturellen und psychologischen Nutzen, als beziffert werden kann. Bis zum Aufkommen der selbstfahrenden Autos bedeutete Autonomie Handlungsfreiheit, und die einzige Autonomie war die menschliche Autonomie. Die menschliche Autonomie ist die einzige Autonomie, der die Technologie dienen sollte. Effizienz ist ein würdiges Ziel, aber Effizienz ≠ Freiheit. Freiheit ist Freiheit, und Bewegungsfreiheit ist ein grundlegendes Menschenrecht. Wenn wir sie schützen wollen, dann müssen die Grenzen der Freiheit mit denen der Mobilität übereinstimmen – für alle gleichermaßen.

 

Bis dahin behalte ich meine Autoschlüssel und mein Fahrrad.

 

In Kürze erscheint: Ein Manifest für die bedingungslose Grundmobilität

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