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Autonomes Fahren: Das Überleben der großen Autohersteller

Privatleben und Mobilität

Shiva Kumar

Shiva Kumar

2.12.2019

       

Shiva Kumar, ehemaliger Investmentbanker, kommentiert die Auswirkungen der für autonomes Fahren benötigten Technologie und erklärt, wie Autohersteller mit Flottenmodellen darauf reagieren sollten.

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„Ich habe zwei Söhne – elf und sieben Jahre alt. Ich glaube, dass der Jüngere wohl nicht mehr selbst fahren muss. Niemals."

 

Autonome Fahrzeuge kommen. Das steht außer Frage. Die Technologie ist bereits vorhanden, die Tests sind in vollem Gange. Regulierungen und unterstützende Infrastruktur werden langsam angepasst und aufgebaut. Es gibt bereits heute geborene Kinder, die vielleicht nie lernen müssen, selbst zu fahren – eine spannende Aussicht. Aber es gibt noch viele offene Fragen, wie sich die Welt durch autonomes Fahren verändern wird. Dazu gehören auch die Fragen, wie mit einigen der eher unbekannten Herausforderungen wie z. B. der sozioökonomischen Erschwinglichkeit des autonomen Fahrens umgegangen wird. Etwas, das möglicherweise durch eine Abkehr vom traditionellen Transportgeschäftsmodell angegangen werden könnte.

 

Der ehemalige Investmentbanker Shiva Kumar versteht das Thema „Risiko“ besser als die meisten anderen. Mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, die fest in der Technologiebranche verwurzelt ist, und in seiner neuen Position als stellvertretender Geschäftsführer von Ridecell, dem führenden Plattformanbieter für Ridesharing und autonome Fahrdienste, kennt er die tiefgreifenden Auswirkungen disruptiver Technologie. Er ist in der perfekten Position, um die Entwicklung der fahrerlosen Revolution und deren Effekte in Echtzeit zu beobachten und hat eine einzigartige Sicht darauf, wie einigen der negativen Auswirkungen begegnet werden kann. Zudem hat er eigene Theorien entwickelt, wie die beteiligten großen Automobilmarken nicht nur überleben, sondern auch erfolgreich sein werden.

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Autonomes Fahren und die sozioökonomische Aspekte

Die Technologie rund um das autonome Fahren ist teuer in der Anschaffung, Wartung und Reparatur. Das hat zur Folge, dass der Besitz anfangs für viele außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten sein wird. Dabei könnte der autonome Verkehr Millionen von Menschen neue Freiheiten eröffnen.

 

„Denken wir nur an diejenigen, die weite Entfernungen überwinden müssen. Einige können es sich nicht leisten zu reisen. Andere haben körperliche Einschränkungen, die sie am Fahren hindern, oder sie haben schlichtweg nicht die finanziellen Mittel, um zur Arbeit zu fahren, besonders wenn sie außerhalb der gewöhnlichen Arbeitszeiten tätig sein müssen. Die fahrerlose Mobilität bietet da eine vielversprechende Transportalternative.“

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Verfügbarkeit für alle ist wichtig, was wiederum ein höheres Maß an „sozialer Mobilität“ für alle bedeuten würde, unabhängig ihres sozioökonomischen Status. Autonome Fahrzeuge könnten zum Beispiel Veteranen und Menschen mit chronischen Erkrankungen helfen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zu erreichen, die weit entfernt sind oder die für die Betroffenen nur mit speziellen Transportdienstleistungen erreichbar sind.

 

Darüber hinaus können wir Zeit gewinnen. Wir wissen, dass sich SMS-Schreiben und Autofahren eigentlich ausschließen. Aber wir wollen auch während wir unterwegs sind arbeiten oder telefonieren. Autonome Fahrzeuge bieten den Menschen die Möglichkeit, unterwegs zu arbeiten, aber auch sich zu entspannen und sich einfach weniger um das Fahren kümmern zu müssen.

 

„Eine weitere signifikante Auswirkung sehe ich beim Grundeigentum". Ich denke da zum Beispiel an Kalifornien, wo es ziemlich teuer ist. Die Menschen dort leben in der Regel in der Nähe ihrer Arbeitsstätten in der Bay Area, beispielsweise Palo Alto, oder in den Städten. Diese Orte sind sehr teuer. Hätte man aber autonome Fahrzeuge, könnten die Menschen einer Arbeit in der Stadt nachgehen und dennoch in den Vorstädten und günstigeren Einzugsgebieten leben. Sie hätten mehr von ihrem Geld und ihr Lebensstandard wäre höher.“

 

Es gibt so viele Unbekannte hinsichtlich der Kosten autonomer Fahrzeuge. Können wir wirklich davon ausgehen, dass es ausreichend große universelle Kosteneinsparungen für die Verbraucher geben wird?

 

„Ja, im Moment sind die Kosten sehr hoch. Aber mit der Zeit werden die Preise sinken. Autonome Transportmöglichkeiten öffnen sich auch für Familien mit niedrigeren Einkommen, weil sie es sich jetzt leisten können, mit dem Auto anstatt dem Bus zu fahren. Skaleneffekte werden den autonomen Verkehr für alle erschwinglich machen.“

 

Wie wird der öffentliche Verkehr betroffen sein?

Sollte autonomes Fahren in dem Maße zunehmen, wie es die Experten voraussagen, könnte sich die gesamte Transportbranche verändern. Tatsächlich könnten autonome Fahrzeuge letztendlich den öffentlichen Verkehr vollständig ersetzen. Aber ist es das, was Shiva Kumar tatsächlich meint?

 

„Es wird eine Verlagerung geben, ja. Obwohl kein vollständiger Austausch stattfinden wird. Längere Strecken wird man sicherlich weiterhin mit Zügen bewältigen können. Autonome Autos kommen dann auf kurzen und mittleren Strecken zum Einsatz, wenn man am Reiseziel angekommen ist.“

 

Natürlich entstünden zusätzliche Umweltprobleme, wenn man mehr Fahrzeuge für den Transport von weniger Menschen einsetzen würde. Wenn jeder Mensch ausschließlich und individuell autonome Verkehrsmittel nutzen würde, würden wir am Ende einen „autonomen Verkehrsinfarkt“ erleiden. Der traditionelle Personenkraftwagen muss neugestaltet werden, so dass er von mehreren, auch sich einander fremden Personen, geteilt werden kann. Gleichzeitig müssen individuelle private Räume geschaffen werden. Und es müssen Anreize und die Infrastrukturen geschaffen werden, die die Menschen veranlassen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Auch das ist für den Aufbau einer nachhaltigen Welt in der Zukunft unerlässlich.

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Der Aufstieg der Flotten

„Zurück zu dem, was ich über meine Söhne sagte, die nie einen Führerschein machen werden: Neue Mobilitätsdienste haben bereits die Transportwahl der Millennials beeinflusst. Millennials werden den Führerschein nicht mehr so machen, wie ältere Generationen ihn gemacht haben. Das ist eine gute Sache. Aus gesellschaftlicher Sicht ist der traditionelle Fahrzeugbesitz recht ineffizient. Studien schätzen, dass ein privates Fahrzeug im Durchschnitt 95 Prozent der Zeit parkt. Zählen Sie die Kosten für Wartung, Versicherung und Parken – sowohl die tatsächlichen Kosten als auch die Zeit, die Sie mit der Suche nach einem Parkplatz in städtischen Gebieten verbringen – zusammen, dann stellt sich heraus, dass der Besitz eines Autos durch die geringe Nutzungszeit teurer ist, als die Besitzer es selbst vermuten.“

 

Die Wirtschaft befindet sich seit langem im Übergang zu einem abonnementbasierten Verbrauchermodell. Von Netflix bis Spotify sind die Verbraucher und insbesondere die Millennials darauf konditioniert, Abonnements für Zugangsdienste zu kaufen. Als nächstes könnte der flottenbasierte Verkehr kommen, der all diese Probleme lösen würde – und vieles mehr. Tatsächlich könnte es letztendlich zu mehr Wahlmöglichkeiten seitens der Verbraucher führen, unabhängig ihres sozioökonomischen Status. „Wenn die Wirtschaft vom Eigentum zum Abonnementmodell übergeht, wird es einen Anstieg der Flotten geben. Es wird eine Nachfrage nach allen Arten von Transportmöglichkeiten geben, aus allen möglichen Gründen, und es hängt vom Tag und der Zeit ab, ob es regnet, die Sonne scheint oder schneit. Ich denke, dass es mehr Verkehrsmittel geben wird, und zwar in einem gleichberechtigten System, in dem die Verbraucher ihr Fahrzeug immer wieder wählen können, anstatt es einmal für sich selbst anfertigen zu lassen, wie es zurzeit mit dem bestehenden Modell des öffentlichen Verkehrs noch der Fall ist.“

 

Derzeit sind weltweit rund eine Million nicht autonome Flottenfahrzeuge im Einsatz – vor allem in den USA und in Europa. Shiva Kumar prognostiziert, dass in den nächsten 20 Jahren mehr als die Hälfte der Fahrzeuge der Welt Flotten zugehörig sein werden, unabhängig davon, ob sie Fahrer brauchen oder nicht. Und sie alle werden mehr als wahrscheinlich elektrisch angetrieben sein. Aber wie können die großen Automobilhersteller in diese sich wandelnde Landschaft passen, wenn ihre Modelle bisher fast ausschließlich auf Eigentum basieren?

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Das Überleben der großen Marken

 

Nehmen wir an, Shiva Kumar hat Recht, und bis 2040 werden die Flotten die Straßen dominieren. Vielleicht werden sie auch autonom sein, hält man an seiner „Acht-bis-zehn-Jahres-Zeitleiste“ der Entwicklung autonomen Fahrens fest. Werden noch dieselben großen Automobilhersteller im Spiel sein oder werden sie durch die Technologie-Start-ups ersetzt worden sein, von denen wir schon heute immer mehr hören?

 

Um die Antwort zu kennen, müssen wir uns die Marken ansehen, die bereits Flotten in ihre Entwicklung einbezogen haben.

 

„Uber und Lyft werden weiterhin an Stärke gewinnen und sie bestimmen schon jetzt das „Verbrauchererlebnis“. Daher werden sie auch dazu übergehen, die Art der Autos ihrer Flotten, die Art der Versicherung, die Art der Lademöglichkeiten, die Wartung und sogar die Reinigung zu bestimmen. Es wird alles von ihnen bestimmt, und nicht vom Verbraucher."

 

Unter der Annahme, dass die Erstausrüster (engl.: Original Equipment Manufacturers, OEM) angemessen auf diese neue Entwicklung reagieren, könnte es genügend Möglichkeiten für neue Geschäftsfelder geben.

 

„Die OEMs, die überleben und erfolgreich sein werden, sind diejenigen, die weiterhin Innovationen und Veränderungen vorantreiben werden. Die deutsche Automobilindustrie steht an vorderster Front. Bisher haben wir gesehen, dass VW, Daimler und BMW alle ihre eigenen Mobilitätsdienste anbieten, wobei Daimler und BMW auf der Dienstleistungsseite sogar zusammenarbeiten. Ich denke, dass Aufgeschlossenheit bei Akquisitionen, innovative Kultur und Produktionsstärke zu einer guten geschäftlichen Zukunft führen werden. Diejenigen, die innovativ sind, werden überleben.“

 

Ein Wechsel vom Besitz- zum Abonnementmodell funktioniert in der Musik- und Filmwelt – aber wird es auch in der Automobilwelt funktionieren? Wenn autonomes Fahren sein volles Potenzial ausschöpfen will, einschließlich weniger Staus, weniger Umweltverschmutzung und mehr Zugangsmöglichkeiten für alle – dann muss es das wohl tun.

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