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Autonome Schifffahrt: Viele Chancen aber auch einige Fragezeichen

Technologie und Unternehmen

Phil Brown

Phil Brown

14.04.2020

       

Die Möglichkeit, in unserer globalisierten und vernetzten Welt Produkte von so ziemlich überall zu importieren, hat Lieferketten geschaffen, die sich oft über mehrere Länder und in vielen Fällen über Kontinente erstrecken. Auch wenn der Güterverkehr über Luft- wie Landwege beträchtlich zunimmt, sind wir dabei immer noch stark auf ein Transportmittel angewiesen, das wir seit Tausenden von Jahren nutzen: das Schiff.

Laut Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen wurden im vergangenen Jahr 11 Milliarden Tonnen Waren und Produkte per Schiff transportiert.

 

Obwohl die Menschen schon seit weit mehr als 2000 Jahren über die Meere segeln, stehen wir immer noch vor zahlreichen Herausforderungen, wenn es um maritime Unterfangen geht. Denn trotz aller Technologie, Ausbildung, Erfahrung und Ingenieurskunst, die uns zur Verfügung steht: Auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser sowie der Schutz vor den Elementen müssen beim Transport unserer Güter über die Ozeane immer mitberücksichtigt werden.

 

Warum nicht ein autonomes Schiff die harte Arbeit machen lassen?

Autonome Fahrzeuge sind kein neues Konzept. Von unbemannten Flugdrohnen, die Überwachungs- und Militäroperationen Tausende von Kilometern von ihrer Basis entfernt durchführen, bis zu bereits existierenden selbstfahrenden Autos, die uns möglicherweise schon bald auf unseren Straßen befördern werden – immer öfter nutzen wir Künstliche Intelligenz für die Navigation. Da scheint es geradezu folgerichtig, dass auch lange, beschwerliche Seereisen in die Hände von Computern gelegt werden.

 

Schiffe könnten entweder für autonome Fahrten nach- und umgerüstet oder so konstruiert werden, dass die Mannschaftsräume, die Brücke und andere dann überflüssige Elemente entfernt werden, um mehr Platz für die Fracht zu schaffen. Schiffe ließen sich dann vollständig fernsteuern. Reedereien würden ihre Navigatoren und Kapitäne auf Kommandobrücken an Land einsetzen oder die Fahrten an professionelle Unternehmen vergeben, die als Experten für den ferngesteuerten Schiffsbetrieb zum Einsatz kommen. Ein weiterer Vorteil bestünde darin, dass Reedereien und Seestreitkräfte auch bei den Personalkosten sparen könnten.

 

Es überrascht nicht, dass autonomes Navigieren von Schiffen bereits umgesetzt oder zumindest getestet wird. Die norwegische Firma Yara International beispielsweise arbeitet an der Yara Birkeland, einem vollständig batterie- und solarbetriebenen autonomen Containerschiff, das damit auch noch weitaus umweltfreundlicher ist als die herkömmlichen dieselbetriebenen Containerschiffe.

 

Doch nicht nur Fracht wird in die Verantwortung Künstlicher Intelligenz gegeben. Zusammen mit dem finnischen Unternehmen Finnferry entwickelt beispielsweise Rolls Royce zurzeit eine Autofähre ohne Besatzung: die Svan. Sie soll in der Lage sein, Menschen samt ihrem Auto über komplexe Wasserwege zu befördern, Bojen sowie anderen Schiffen auszuweichen und sogar unterschiedlichste Häfen sicher anzusteuern.

 

Die Vorteile der autonomen Schifffahrt sind auf den ersten Blick ziemlich eindeutig. Vor allem aus finanzieller Sicht könnten niedrigere bis gar keine Besatzungskosten für viele Unternehmen eine große Antriebskraft dafür sein. Aber in Wahrheit gehen die Pluspunkte weit über finanzielle Überlegungen hinaus.

Ship control centre for autonomous journeys
Foto: www.seanews.co.uk

Könnten autonome Schiffe Leben retten?

Ein Thema, das die Schifffahrt jahrhundertelang begleitet hat und bis heute ein großes Problem darstellt, ist die Piraterie. An mehreren Brennpunkten auf der ganzen Welt, insbesondere in der Straße von Hormus und in der Straße von Malakka, gab es im Jahr 2019 162 Fälle von Piraterie, wobei bewaffnete Banden meist Schnellboote benutzten, um Schiffe zu entern. Im 21. Jahrhundert ist jedoch nicht immer die Ladung das Ziel. Vielmehr stellt die Besatzung der Schiffe oftmals einen größeren Wert dar als die transportierten Güter.

 

Immer wieder werden gekaperte Schiffe und deren Besatzungen als Druckmittel gegen Privatunternehmen eingesetzt, damit diese für die sichere Rückkehr ihrer Mitarbeiter Lösegeld zahlen. Diese ständige Gefahr an bestimmten Brennpunkten führt dazu, dass heutzutage etwa 80 Prozent der Handelsschiffe bewaffnete Wachen an Bord haben.

 

Ohne Besatzung an Bord hätten es die Piraten ungleich schwerer. Die Schiffe hätten nicht nur keine Menschen mehr an Bord, für die Lösegeld gefordert werden könnte, sondern es würden auch nahezu alle Vorrichtungen für die manuelle Steuerung an Bord fehlen. Ohne Zugang zu einem Kontrollzentrum an Land wäre es nahezu unmöglich, den Kurs eines Schiffes zu ändern.

 

Ein weiteres, oft weniger sichtbares Problem auf Schiffen ist die psychische Gesundheit. Vor allem auf Schiffen der US-Marine sorgte dieses Thema zuletzt für zunehmende Besorgnis. Die Arbeit auf See ist mit vielen Gefahren verbunden, aber gerade die lange Isolation auf See und der Druck, mit Tausenden von anderen Besatzungsmitgliedern auf engstem Raum zu leben, kann sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken. Im September 2019 nahmen sich drei Besatzungsmitglieder ein und desselben US-Marine-Schiffs das Leben. Die Selbstmordrate auf Schiffen der US-Marine liegt heute bei 20,1 von 10.000 Besatzungsmitgliedern. Verglichen mit der Rate auf zivilen US-Schiffen von etwa 13 von 100.000, stellt diese ansteigende Zahl für die Navy eine große Herausforderung für das Wohlergehen ihrer Besatzungsmitglieder dar.

 

Wenn die Anzahl der für das Betreiben eines Schiffs erforderlichen Personen verringert oder sogar auf null gesenkt werden könnte, dann würde man gleichzeitig sowohl die physischen als auch die psychischen Gefahren reduzieren – was besonders in aktiven Kriegsgebieten von Bedeutung sein könnte.

 

Darüber hinaus würden die Faktoren für menschliches Versagen verringert werden, etwas, das für immerhin 50 Prozent der Unfälle auf See ausschlaggebend ist. Es würde sich genauso verhalten, wie wir es für den Straßenverkehr erwarten. Unsere Unfähigkeit, schnell genug zu reagieren oder möglicherweise die richtige Entscheidung im richtigen Moment zu treffen, würden plötzlich durch Maschinen beseitigt, die die Bedingungen schneller als wir berechnen können. In einer Branche, in der im vergangenen Jahr 46 große Schiffe auf See verloren gingen und dadurch Verluste in dreistelliger Millionenhöhe verursacht wurden, stößt das Argument, Menschen von den Schiffsbrücken zu entfernen, sowohl in den Buchhaltungen als auch in den Gesundheits- und Sicherheitsabteilungen auf Gehör.

 

Eine symbolische autonome Schiffsreise

autonomy versus human safety
Foto: www.ship-technology.com

Im Jahr 1620 lief eines der wichtigsten Schiffe der Geschichte aus dem Hafen von Plymouth aus: die Mayflower. Mit einer Gruppe von Pilgern an Bord, die vor der Verfolgung aufgrund ihres Glaubens flohen, ist sie zum Synonym für die Kolonisierung Amerikas geworden und ein wichtiger Bestandteil des Geschichtsunterrichts in den USA und in der ganzen Welt.

 

Zur 400-Jahr-Feier dieser epischen Reise stellen IBM, die Universität von Plymouth und das Meeresforschungsunternehmen ProMare die Reise der Mayflower-Pilger nach, diesmal jedoch ohne eine einzige Seele an Bord.

 

Dank Tausenden von Forschungsstunden im Hafen von Plymouth und mithilfe modernster Hardware und KI-Geräten, darunter ein IBM Power AC922-Server mit Nvidia V100 Tensor Core GPUs, ist die autonome Mayflower – eine Mehrrumpf-Verbundjacht – in der Lage, Informationen, einschließlich Wettermuster, Wind, Seeverhalten und Hindernis-Kollisions-Vektoren, mit höchster Leistung zu verarbeiten.

 

Obwohl viele größere Schiffe bereits über einen Autopiloten oder eine Art automatisiertes Navigationssystem verfügen, brauchen sie heute noch immer einen Menschen, der neben dem Computer arbeitet, sowohl als Ausfallsicherung als auch für wichtige Entscheidungen hinsichtlich des Kurses und der Umfahrung schlechten Wetters. Laut Don Scott, , ist das Mayflower-Projekt weit von diesen „Roboter“-Systemen entfernt, da die auf der Mayflower eingesetzten Technologien in der Lage sind, „dem Schiff die Fähigkeit zu geben, unter einigen der schwierigsten vorstellbaren Bedingungen unabhängig zu operieren.“

 

Die Idee hinter dem Mayflower-Projekt besteht jedoch nicht nur darin, 400 Jahre maritime Geschichte zu feiern. Das Projekt dient auch als Schaufenster für die Technologien der beteiligten Hersteller, die in weit größeren Schiffen zum Einsatz kommen könntenIntel und Nvidia, die beiden größten Akteure, sind bereits an Projekten im Bereich fahrerloser Autos beteiligt. Der Übergang zur autonomen Navigation auf dem Wasser könnte durchaus als weiterer Schritt betrachtet werden, ihre Technologien in so vielen Bereichen wie möglich einzusetzen.

 

Und wo bleiben die Menschen?

intelligence camera operated control centre for ships
Foto: ww.safety4sea.com

Trotz aller Vorteile, die es mit sich bringt, Schiffe ohne Menschen fahren zu lassen, würde das gleichzeitig bedeuten, Menschen von Schiffen „zu entfernen“. Die weltweite Anzahl von Seeleuten auf Handelsschiffen wird derzeit auf etwa 1.647.500 Personen geschätzt. Die Zahl der verfügbaren „traditionellen“ Arbeitsplätze in der Seefahrt würde sich durch autonome Schiffe aber stark verringern. Das heißt nicht automatisch, dass 1,6 Millionen Arbeitsplätze verloren gingen. Auch autonome Schiffe müssen gebaut und gewartet werden, sie müssten ferngesteuert werden, KIs müssten trainiert werden und auch begleitende Tätigkeiten an Land wird es weiterhin geben. Ja, es würde tiefgreifende Veränderungen geben und möglicherweise würden auch einige Arbeitsplätze verloren gehen. Aber die autonome Schifffahrt könnte auch zahlreiche neue Arbeitsplätze schaffen, die „sicherer“ und höher qualifiziert sind als die derzeitigen Tätigkeiten.

 

Wenn viele Seeleute umgelernt würden, könnten auch die sozialen Folgen, die mit der Vergabe von Arbeitsplätzen auf See an Maschinen einhergehen, abgeschwächt werden. Mehr noch: Im Bereich des Transportwesens an Land sehen wir, dass fahrerlose Lastwagen der Industrie helfen, da man zurzeit eher davon ausgeht, dass ein Mangel an Lkw-Fahrern besteht. Da sich die Seefahrt möglicherweise mit den gleichen Veränderungen bei den Vorlieben der Arbeitnehmer konfrontiert sehen wird, könnten Unternehmen mit autonomen Schiffen ein zukünftiges Personalproblem lösen, bevor es auftritt.

 

Die Lehren für die Welt des autonomen Fahrens sind eindeutig: Je mehr wir uns auf fahrerlose Fahrzeuge verlassen, desto stärker wird sich dies nicht nur wirtschaftlich, sondern auch auf die Struktur des Arbeitsmarkts auswirken. Neue Jobprofile werden entstehen, vorhandene werden verschwinden. Dabei geht es um höhere Qualifizierungen und die Entwicklung in neue Industrien.

 

Würdest du dich sicher fühlen, wenn du von einem Computer über raue See befördert werden würdest? Bist du der Meinung, dass wir die autonome Handelsschifffahrt beschleunigen sollten, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, oder ist es zu riskant, weil wir zu viele Arbeitsplätze verlieren würden?

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