Dr. Felix Gress, Prof. Reinhard Merkel und Dr. Joachim Damasky diskutieren über die Ethik des autonomen Fahrens.

Autonome Autos und Ethik: Wer entscheidet über Tod und Leben?

Sicherheit und Ethik

2025AD Team

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20.09.2018

       

Automatisiertes Fahren soll die Zahl der Verkehrstoten drastisch reduzieren. Aber die Gesellschaft hat in diesem Zusammenhang noch mit einigen ethischen Herausforderungen zu kämpfen. Ein gutes Beispiel dafür ist das das „Trolley-Problem“, wie ein Gespräch von Dr. Joachim Damasky, Prof. Reinhard Merkel und Dr. Felix Gress zeigt.

 

Bitte scrollen Sie nach unten, um das vollständige Video unserer Debatte auf der IAA zu sehen (Videosprache: Deutsch).

 

Stellen Sie sich die Einführung eines Verkehrssystem vor, das Freiheit und Wohlstand für alle erhöht, aber einen Nachteil hat: eine durchschnittliche Todesrate von 3.200 Menschen pro Jahr. Das wäre sicherlich nicht sozialverträglich.

 

Doch das ist der aktuelle Zustand des Straßenverkehrs in einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland, wie er sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Die USA sind mit 35.000 und Japan vor 3.900 Todesfällen durch Autounfälle pro Jahr konfrontiert. Dank Fahrerassistenzprogrammen wie Antiblockiersystemen (ABS) und elektronischen Stabilitätsprogrammen (ESP) sowie passiven Sicherheitssystemen wie Sicherheitsgurt und Airbag ist das ein Rekordtief für das autoliebende Deutschland, wo die jährliche Zahl der Verkehrstoten 1970 mit 21.000 ihren Höhepunkt erreichte.

Ein moralischer Imperativ

 

Die Reduzierung der Zahl der Verkehrstoten ist ein moralisches Gebot, und automatisiertes Fahren ist ein wirksames Instrument, um dies zu erreichen. „Es ist eine bewiesene Tatsache, dass beispielsweise die autonome Notbremsung (AEB) eines modernen Fahrzeugs die Zahl der Unfälle, an denen es beteiligt ist, deutlich reduziert", sagte Joachim Damasky, Geschäftsführer des Verbandes der Automobilindustrie, während des jüngst stattgefundenen 2025AD-Panels auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt (klicken Sie auf das Video unten, um die vollständige Diskussion zu sehen). „Es reduziert auch die Auswirkungen eines Unfalls auf die Passagiere.“ Die Podiumsdiskussion, gefolgt von einer lebhaften Diskussion, wurde von Felix Gress, Leiter Unternehmenskommunikation und Public Affairs bei Continental, moderiert.

Das autonome Fahren steht jedoch vor mehreren Herausforderungen. Ein Beispiel ist das so genannte Trolley-Problem, bei dem eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn droht, eine Gruppe von Menschen zu töten. Das Dilemma ist: Wenn eine unabhängige Person in der Lage wäre, die Anzahl der Opfer zu reduzieren, indem sie die Straßenbahn von der Gruppe auf eine Person umlenkt, sollte sie es dann tun oder nicht? Beim autonomen Fahren stellt sich die Frage, wie sich ein selbstfahrendes Auto in einer solchen Situation verhalten sollte.

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Welchen Weg sollte die Straßenbahn nehmen? Das Trolley-Dilemma. (Foto: Wikipedia / CC)

So unwahrscheinlich es auch sein mag, dieses Szenario zeigt die grundlegende Spannung zwischen zwei Schulen des moralischen Denkens auf. Die utilitaristische Perspektive schreibt vor, dass die geeignetste Aktion diejenige ist, die das größte Wohl für die größte Anzahl erreicht. Die deontologische Perspektive argumentiert, dass bestimmte Handlungen falsch sind, auch wenn sie gute Konsequenzen haben.

 

In Deutschland wäre das Umleiten des Wagens illegal. „Ein unabhängiger Dritter, der sich zufällig in einer solchen Situation befindet, darf keine Entscheidung treffen, die eine bestimmte Person opfert, um eine größere Anzahl von Menschen zu retten“, sagte Reinhard Merkel (Universität Hamburg). „Diese eine Person hat keinerlei Verpflichtung, ihr oder sein Leben für andere zu opfern, auch wenn es sich um eine Gruppe von mehreren Personen handelt.“

 

Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine

Die Identität der Personen zu kennen, ist entscheidend. Ob ein selbstfahrendes Auto vorprogrammiert werden sollte, um den Einzelnen anstelle der Gruppe zu verletzen, ist eine ganz andere Frage, sagte Merkel, emeritierter Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie. Die Frage wird dann abstrakter: Wie geht eine Gesellschaft mit einem entfernten, abstrakten und höchst unwahrscheinlichen Risiko um?

 

Merkel, Mitglied des Ethikrates, der die Bundesregierung berät, hat eine Meinung. „Ich halte es für richtig, eine Maschine zu programmieren, um in einem solchen Dilemma die Zahl der Opfer zu reduzieren.“ Er argumentiert, die Maschine sollte etwas tun dürfen, was Menschen nicht dürfen, weil die Entscheidung Monate oder sogar Jahre vor dem Vorfall getroffen wurde.

 

Merkel vergleicht dies mit einer groß angelegten Impfung, die trotz der Tatsache, dass Nebenwirkungen einigen Menschen schaden können, sozial akzeptiert ist. „Die politischen Entscheidungsträger haben Recht, einer Gesellschaft solche kollektiven Risiken aufzuzwingen, wenn die Identität von Personen, die geschädigt werden könnten, unbekannt ist“, argumentiert er.

 

Gegner des autonomen Fahrens mögen schaudern, aber Merkel ist kaum ein Autolobbyist. Der ehemalige Olympiaschwimmer wird allgemein als kritischer Denker gelobt. Und er ist weit davon entfernt, unverblümt für autonomes Fahren einzutreten.

 

 

Sind Sie ein Risikofaktor?

Das autonome Fahren wirft auch komplexe Fragen auf wie: „Wenn das vollautomatisierte Fahren ein technisches Niveau erreicht hat und weithin akzeptiert wird, wird dann das Fahren am Steuer zu einem Akt der Fahrlässigkeit?“ Es kann Situationen geben, in denen Menschen überhaupt nicht fahren dürfen, wenn eine Gesellschaft zustimmt, dass autonomes Fahren für alle sicherer ist. „Einige Menschen werden dies als Freiheitsberaubung empfinden“, warnt Merkel.

 

Während das Trolley-Problem das bekannteste sein mag, sind die Herausforderungen auf dem Weg zum weit verbreiteten autonomen Fahren groß. Wie wäre es mit Menschen, die aus purem Vergnügen fahren wollen, wie es bei Motorradfahrern oft der Fall ist? Wird das individuelle Fahren als weit verbreitetste Unfallursache illegal? Was wäre, wenn das am wenigsten schädliche Ergebnis darin besteht, dass das Auto in ein Gebäude fährt? Sind Käufer bereit, das Selbstzerstörungspotenzial ihrer Autos – und möglicherweise auch ihres eigenen – zu akzeptieren?

 

Neben vielen anderen Herausforderungen sollte der Begriff der Versicherung überdacht werden, um die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren, argumentiert Damasky. Es liegt auf der Hand, dass das Potenzial des autonomen Fahrens zur Reduzierung der Unfallzahlen die Mühe wert ist, betont er.

 

Angesichts atemberaubender technologischer Innovationen müssen wir vielleicht sogar unsere Beziehung zu den Menschen, die neben uns fahren, überdenken. Da Autos immer intelligenter werden, könnte es dazu kommen, dass Autofahrer einer moralischen Verpflichtung unterliegen, ihre Erkenntnisse zu teilen. Das bedeutet, dass ältere Fahrzeuge, die sich die Straße mit automatisierten Autos teilen, aufgerüstet werden müssten, um Daten wie Position, Geschwindigkeit und Gefahren hinter der nächsten Kurve zu kommunizieren. „Sonst sind sie für die automatisierten Autos um sie herum nicht ‚sichtbar‘", sagt Damasky.

 

Autonomes Fahren wird zweifellos die Straßen sicherer machen, aber die Gesellschaften müssen jetzt moralische Dilemmata lösen, um die Akzeptanz neuer Technologien zu fördern.

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