Autonome Fahrzeuge könnten die Geschäftsreisen der Zukunft stark verändern (Foto: Daimler)

Arbeiten im autonomen Auto: Homeoffice mal ganz anders

Privatleben und Mobilität

Gareth Watson

Gareth Watson

7.11.2018

       

„Arbeiten“ ist ein Evergreen, wenn man fragt, was Menschen im autonomen Fahrzeug gerne tun möchten. Aber die Zukunftsvision des Innovationsberaters Remington Tonar geht weit über das Abrufen von E-Mails hinaus. Seine Ideen für die zusätzliche Arbeitszeit, die der Autopilot uns schenkt, hat er uns in diesem exklusiven Interview geschildert.

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Als Partner bei Brandsinger arbeitet Remington Tonar hauptsächlich als Innovationsberater. Er hilft Unternehmen jeder Größe, in ihrem Geschäft neu zu denken. Das bedeutet oft, dass sie ihre Kulturen weiterentwickeln, um Innovationen zu fördern. „Denn wenn die Kultur der Unternehmen Innovationen nicht unterstützt, werden diese am Ende scheitern“, sagt Remington.

 

 

2025AD: Wie und wann haben Sie begonnen, über autonome Fahrzeuge und deren Auswirkungen auf die Arbeit, wie wir sie kennen, nachzudenken?

Remington Tonar: In meiner Arbeit mit Kunden habe ich festgestellt, dass sich das Gespräch über revolutionäre Technologien der nächsten Generation, wie autonome Fahrzeuge und künstliche Intelligenz, eher auf die Technologie als auf ihre potenziellen Auswirkungen auf Einzelpersonen und soziale Institutionen konzentriert. Das Ignorieren der Menschen in Organisationen wie Regierungen oder Unternehmen ist aber unter Umständen kostspielig und sogar gefährlich. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mehr über diese Themen zu sprechen.

 

 

2025AD: Teilen Sie uns Ihre Vision vom „Arbeiten im Auto“ mit.

Remington Tonar: Wenn wir Level 5 des autonomen Fahrens erreichen und immer noch Autos haben, die genauso aussehen wie heute, dann denke ich, dass wir eine große Chance verpasst haben und sowohl wir selbst als auch die Gesellschaft versagt haben! Ich stelle mir ein Modell vor, bei dem speziell entwickelte mobile Plattformen als voll funktionsfähige Arbeitsplätze dienen. Mitarbeiter können mit höchster Produktivität (zusammen)arbeiten, Besprechungen und Telefonkonferenzen abhalten, während sie auf den Straßen unterwegs sind.

 

 

2025AD: Während der Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln zu arbeiten ist nichts neues. Inwiefern unterscheidet sich das Arbeiten im autonomen Fahrzeug davon?

Remington Tonar: Das Stichwort ist Produktivität. Heutige Autos, Busse, Flugzeuge und Züge sind so konzipiert, dass sie die Menschen von Punkt A nach Punkt B bringen - aber sie stehen im Gegensatz zur Idee der Produktivität. Es sind enge Räume mit oft suboptimaler oder fehlender Konnektivität, mit Lichtverhältnissen, die das Lesen des Bildschirms erschweren usw. Und du kannst deinen eigenen Arbeitsbereich nicht selbst gestalten oder beeinflussen. Autonome Fahrzeuge hingegen können als mobile Plattformen von Anfang an im Hinblick auf die Produktivität konzipiert werden.

 

 

2025AD: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Funktionen, die ein produktiver mobiler Arbeitsplatz benötigt?

Remington Tonar: In erster Linie dürfen sie nicht klaustrophobisch sein. Sie müssen offen und geräumig sein und so viel natürliches Licht wie möglich hineinlassen. Das Ein- und Aussteigen sollte ebenfalls einfach sein und natürlich ist die Konnektivität von entscheidender Bedeutung. Designtechnisch stelle ich sie mir ähnlich wie die uns bereits bekannten autonomen öffentlichen Verkehrsmittel vor. Und das setzt natürlich voraus, dass wir das Problem der Reisekrankheit überwinden – wovon ich allerdings überzeugt bin.

 

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Ikea hat bereits Vorstellungen davon, wie modulare, autonome Plattformen in ihrem Konzept „Spaces on Wheels“ aussehen könnten. (Foto: Ikea)

2025AD: Ok, führen Sie uns durch ein Beispiel. Wie können autonome Fahrzeuge in der Praxis in die Arbeitskultur integriert werden?

Remington Tonar: Ich kenne Leute, die für eines der größeren Energieunternehmen in den USA arbeiten und über zwei Stunden pendeln, um in ihr Büro zu kommen. Dabei pendeln sie häufig gemeinsam mit einer großen Anzahl von Kollegen, die im gleichen Vorort wohnen. In diesem Fall könnte man sich vorstellen, dass das Unternehmen eine Flotte von autonomen Bussen kauft und sie als Arbeitsbereich mit Schreibtischen, Konferenzräumen usw. ausstattet - im Grunde genommen wäre es ein eigenes Verkehrsnetz, das es seinen Mitarbeitern nicht nur ermöglicht, von unterwegs zu arbeiten, sondern auch gemeinsam mit Arbeitskollegen.

 

 

2025AD: Das würde sicherlich einige drastische Veränderungen in der Arbeitskultur nach sich ziehen. Was bedeutet das für die Arbeitszeiten- und Erwartungen, wie wir sie kennen?

Remington Tonar: Im Moment gibt es keine Möglichkeit, dass Mitarbeiter den Anspruch erheben können, beispielsweise in Großstädten vom Zug aus produktiv arbeiten zu können. Du kannst E-Mails checken und dich über bestimmte Dinge informieren, sicher, aber zu Stoßzeiten ist es einfach zu hektisch - glaub mir, ich bin ein New Yorker, ich weiß wovon ich rede! Zu Stoßzeiten ist es unmöglich, während der Fahrt überhaupt irgendwie zu arbeiten. Aber sobald diese Zeit wirklich produktiv wird, werden wir sehen, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Pendelzeit als Bürozeit betrachten - was bedeuten könnte, dass sie weniger Zeit im physischen Büro verbringen.

 

2025AD: Apropos physische Büros: Was werden autonome Fahrzeug-Arbeitsplätze für sie bedeuten?

Remington Tonar: Wir könnten tiefgreifende Veränderungen erleben. Ich kann mir vorstellen, dass das Büro der Zukunft als mobile Arbeitsplattform um das Auto herum gebaut wird. Anstatt also Schreibtische und Sitze zu haben, haben Sie ein Bürogebäude, das im Wesentlichen eine Garage ist - natürlich mit Annehmlichkeiten! Die geparkten Fahrzeuge würden dann „ausklappen“, um einen modularen Büroraum zu schaffen, den Sie im wahrsten Sinne des Wortes überall hin mitnehmen können.


 

2025AD: Könnten wir zu einem Punkt gelangen, an dem es überhaupt keinen Bedarf mehr an einem physischen Büro geben wird?

Remington Tonar: Nun, die geschilderte Vision dekonstruiert sicherlich die Idee eines Büros als physischen Ort. Wie ich beschrieben habe, muss das Büro nicht mehr in einem bestimmten physischen Raum sein, es kann in jedem beliebigen physischen Raum sein. Die Idee, dass das gesamte Büro-Team seinen Arbeitsplatz überall hin mitnehmen und gemeinsam an einen anderen Ort ziehen kann, trägt zu einer weiteren Produktivitätssteigerung bei. Denken Sie an ein kleines vierköpfiges IT-Startup, das den ganzen Tag im Einsatz ist: Für die ist es das perfekte Setup. Wir könnten sogar „Gemeinschaftsgaragen“ erleben: die Zukunft der Gemeinschaftsarbeitsplätze! 

 

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Remington Tonars Vision geht über diese Art des „Arbeitens im Auto“ hinaus. Er spricht von „Produktivitätsplattformen“. (Foto: Rinspeed)

2025AD: Könnte das „Auto als Arbeitsplatz“-Paradigma neben einem gemeinschaftlichen On-Demand-Mobilitätsmodell koexistieren?

Remington Tonar: Meinen Sie, ob wir Uber Büros sehen werden? Das könnte durchaus passieren! Man könnte seinen Use Case in der Uber-App auswählen und ein mobiles Büro buchen! Aber im Ernst: Ich denke, jedes Unternehmen, das sich ernsthaft mit der Integration dieses Konzepts beschäftigt, würde sich eigene Fahrzeuge kaufen. Denn auf diese Weise kann das Unternehmen vollständige und individuelle Anpassungsmöglichkeiten verwirklichen.


 

2025AD: Besteht angesichts der Tatsache, dass flexibles Arbeiten nicht allgegenwärtig von Unternehmen angenommen wird die Gefahr, dass die Idee des Arbeitens im Auto ein Reinfall sein wird?

Remington Tonar: Sie haben Recht, die aktuelle Debatte über flexibles Arbeiten wird im Wesentlichen als binär angesehen: indem sie entweder die Produktivität fördert oder sie behindert - und es gibt Studien, die beide Seiten unterstützen. Ich sehe es als ein weiteres Werkzeug, weder von Natur aus gut noch schlecht. Wie weit es funktioniert, hängt von der bestehenden Unternehmenskultur und dem Führungsstil ab. Für Unternehmen, die offen und fortschrittlich sind und das Modell des Autos als Arbeitsplatz unterstützen, könnte es durchaus möglich sein, dass es die Unternehmenskultur fördert.

 

2025AD: Wie das?

Remington Tonar:

Sagen wir, du bist in einer weitläufigen Stadt wie Los Angeles. Stellen Sie sich eine Situation vor, in der fünf Personen in einem neuen Restaurant, das etwa 40 Fahrminuten entfernt ist, zu Mittag essen.

In der heutigen Zeit wären das circa drei unproduktive Stunden, die an nur einem Arbeitstag zusammenkommen. Durch das Auto als Arbeitsplatz könnte ein Großteil dieser Zeit produktiv genutzt werden. Ich sage nicht, dass es niemals Ausfallzeiten geben sollte - vielmehr geht es darum, zu zeigen, dass das Modell für Unternehmen in verschiedenen Situationen nützlich sein kann.

 

2025AD: Was können Unternehmen Ihrer Meinung nach bereits heute tun, um sich an diese potenzielle zukünftige Arbeitskultur anzupassen?

Remington Tonar: Wenn wir uns Level 5 des autonomen Fahrens nähern, denke ich, dass Arbeitgeber dem Trend voraus sein und darüber nachdenken müssen, wie diese Arbeitskultur in ihrer Organisation aussehen könnte - und sogar einige Untersuchungen zu diesem Thema durchführen sollten. Es ist eine Gelegenheit, die Produktivität von Anfang an zu beflügeln. Aber wir müssen sicherstellen, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen davon profitieren.

 

Über unseren Experten:

Remington Tonar ist Partner bei Brandsinger, einem in New York City ansässigen Beratungsunternehmen für Markeninnovation und Unternehmenskultur, dessen Kunden von globalen Fortune-500-Unternehmen bis hin zu Ein-Mann-Unternehmen in Branchen wie Industrie, Automobil, Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen und Luft- und Raumfahrt reichen. Er ist auch Mitbegründer der Infrastruktur-Medienorganisation StateOf und regelmäßiger Mitarbeiter bei Forbes.com, wo er über die Zukunft von Infrastruktur und Verkehr schreibt.

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